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Autor:
Björn Brodersen
| 4

"Blutmineral" Coltan: Studie zu Auswirkungen der Handy-Produktion auf den Krieg im Kongo

Männer und Frauen im Kongo leiden, weil Hersteller von Handys und Smartphones Rohstoffe aus von Rebellen kontrollierten Minen verwenden. Das ist einer der Zusammenhänge, den die Menschenrechtsstudie "DR Kongo: Der Krieg, die Frauen und unsere Handys" herstellt. Darin analysieren Experten die Situation in dem zentralafrikanischen Land und fordern die Branche und Verbraucher zum Umdenken auf.

Smartphone-Produktion und ihre Folgen für Menschen  | (c) Missio

Smartphones machen Spaß und helfen bei vielen Dingen im Alltag. Doch die Smartphone-Nutzung hat auch eine Kehrseite: An vielen Mobiltelefonen klebt Blut. Darauf hat in dieser Woche das Internationale Katholische Missionswerk Missio aufmerksam gemacht. Es hat in Aachen die Menschenrechtsstudie "DR Kongo: Der Krieg, die Frauen und unsere Handys" (PDF) vorgestellt, die sich vor allem mit dem Zusammenhang zwischen Blutmineralien und dem kongolesischen Bürgerkrieg befasst. Der zentralafrikanische Staat zählt zu den ärmsten Länder der Welt, wie aus dem "Human Development Index" der Vereinten Nationen hervorgeht, Millionen Menschen sind in dem Land auf der Flucht vor Gewalt und Not. Eine der wichtigsten Ursachen für den Bürgerkrieg sind die reichen Bodenschätze, darunter auch für die Smartphone-Produktion wichtige Rohstoffe wie Gold, Tantal, Coltan, Zinn und Wolfram.

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"Eure Handys haben etwas mit unserem Krieg zu tun", kritisierte bei der Vorstellung der Menschenrechtsstudie in Aachen die Traumatherapeutin Thérèse Mema klar. Sie kümmert sich im Kongo um vergewaltigte, traumatisierte Frauen wurde gerade für ihr Engagement mit dem Shalom-Friedenspreis 2015 gewürdigt. "Wenn man weiß, dass man Coltan verwendet oder kauft, für das eine ganze Dorfgemeinschaft niedergemetzelt worden ist, dann muss uns das zum Umdenken bringen", fordert zudem der kongolesische Erzbischof François-Xavier Maroy. Rebellengruppen im Ostkongo eroberten Coltan-Minen und verkauften illegal das seltene Erz, das für die Herstellung von Handys benötigt wird. Die Zivilbevölkerung werde brutal vertrieben, Vergewaltigungen würden als Kriegswaffe eingesetzt und Männer und Frauen zu wie Sklaven zu Zwangsarbeit in den Förderminen eingesetzt.

Smartphone-Produktion: Minenarbeiter im Kongo | (c) Missio

Smartphone-Produktion: Minenarbeiter im Kongo | (c) Missio

Missio ruft deshalb Handy-Hersteller wie Apple, Samsung & Co. dazu auf, dass sie und ihre Zulieferer für die Produktion ihrer Handys und Smartphones garantieren, dass kein illegales Coltan aus der Konfliktregion verwendet wird, von dessen Handel Milizen profitieren. Die Unternehmen der Branche sollen zudem den Aufbau transparenter Handelsstrukturen über gezielte Verträge mit ihren Lieferanten aktiv unterstützen und gemeinsam mit betroffenen Händlern, Kleinschürfern, Zertifizierern und Regierungsstellen an runden Tischen Richtlinien erarbeiten, wie Transparenz-Initiativen aussehen sollen. An der Unterschriftenaktion "Saubere Handys" beteiligten sich laut mittlerweile mehr als 38.000 Unterstützer.

Handy-Hersteller bewegen sich nur durch gesetzlichen Druck

Scheinbar nur auf gesetzlichen Druck bewegen sich jedoch die Unternehmen der Handy-Branche, etwa durch den sogenannten Dodd-Frank-Act: Dieser fordert seit Januar 2013 von in den USA börsennotierten Konzernen eine Auskunftspflicht über die Herkunft der verwendeten Mineralien - nicht nur von rohstofffördernden und -verarbeitenden Unternehmen, sondern auch von Hersteller fertiger Geräte und deren Lieferanten. In Europa ist die Politik noch nicht so weit: Das Europäische Parlament stimmte im Mai dieses Jahres für einen Gesetzentwurf für die verbindliche und von externen Stellen kontrollierte Einhaltung der Sorgfaltspflichten in der Lieferkette für Unternehmen, die Mineralien und Metalle wie Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus Konfliktgebieten beziehen. Ob die EU-Kommission und die EU-Mitgliedsstaaten gemeinsam ein entsprechendes Gesetz erlassen, wird sich wohl gegen Ende dieses Jahres zeigen.

Nachhaltigkeits-Bewertung von Elektronikmarken | (c) Rank a Brand

Trotz der negativen Begleiterscheinen des Gesetzespakets - Kleinschürfer konnten Rohstoffe gar nicht mehr oder nur zu vergleichsweise niedrigen Preisen verkaufen - sehen die Experten Verbesserungen auf dem Markt und in den Minengebieten (außer bei Gold) durch den Dodd-Frank-Act. Unternehmen, die unter die Gesetzgebung der USA fallen, haben Untersuchungen zufolge mehr Anstrengungen zur Schaffung von mehr Transparenz in ihren Wertschöpfungsketten unternommen, als beispielsweise europäische Unternehmen. Außerdem habe der Gesetzgeber damit Initiativen der Elektronikindustrie für mehr Transparenz ausgelöst. Mobilfunkbetreiber und Handy-Hersteller wie AT&T, Telekom, Telefónica, Sony, Microsoft, Huawei und ZTE haben sich beispielsweise der sogenannten GeSI-Initiative (Global e-Sustainability Initiative) angeschlossen, die sich für eine Zertifizierung von Schmelzen, in denen eindeutig nach gewiesen wird, dass keine Geschäfte mit Rebellen gemacht werden, einsetzt.

Beispielhaft, aber zu klein: Beim Fairphone geht es fairer zu

Dass die Produktion von Handys und Smartphones mit Coltan und Zinn aus zertifizierten Schmelzen funktionieren kann, zeigt das niederländische Start-up Fairphone. "Zwar konnten längst noch nicht alle im Gerät enthaltenen Rohstoffe und Komponenten unter fairen Bedingungen abgebaut und produziert werden, doch zeigt das Projekt, dass Verbesserungen beim Rohstoffabbau in der DR Kongo und bei den Arbeitsbedingungen in den chinesischen Produktionsstätten sowie ein reparaturfreundliches Design möglich sind", urteilen die Autoren der Studie. Fairphone hat allerdings im vergangenen Jahr nur rund 60.000 Smartphones verkauft, während im selben Zeitraum weltweit schätzungsweise 1,8 Milliarden Handys und Smartphones hergestellt und alleine in Deutschland rund 30 Millionen Mobiltelefone abgesetzt wurden. "Das Fairphone kann somit nicht mehr als ein Demonstrationsobjekt dafür sein, dass es fairer geht", so Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut, der an der Menschenrechtsstudie mitgearbeitet hat. Eine wirkliche Lösung der Problematik könne nur über die großen Konzerne laufen.

Fairphone 2 | (c) Fairphone

Fairer produziert als andere Smartphones: Fairphone 2 | (c) Fairphone

Rohstoffe wie Coltan seien nicht der einzige Grund für den Krieg im Ostkongo, aber eine Geldquelle für die Rebellen, erläutert der dänische Filmemacher Frank Poulsen, der in seiner Dokumentation "Blood in the Mobile" die Verbindung zwischen Mobiltelefonen und dem Krieg im Kongo belegt. "Der Krieg im Kongo hatte ursprünglich soziale und ethnische Gründe. Als die Handy-Branche boomte und die Preise für diese notwendigen Rohstoffe in den Himmel schossen, begann sich der Krieg auch um diese Mineralien zu drehen. Die Kriegsherren hatten plötzlich eine Lizenz zum Gelddrucken entdeckt, weil sie an dieses Coltan sehr einfach kamen." Wenn man verhindere, dass dieses Geld weiterhin zu den bewaffneten Gruppen fließt, dann würde dies seiner Ansicht nach Wirkung zeigen.

Informiert ihr euch vor dem Kauf eines neuen Handys oder Smartphones, unter welchen Bedingungen das Gerät hergestellt wurde oder welche ethischen Grundsätze der Hersteller für sich selbst definiert hat? Was können wir Verbraucher tun, um für eine fairere Handy-Produktion zu sorgen? Sehr ihr euch dafür überhaupt in der Verantwortung? Vielen Dank für eure Kommentare zum Thema!

Mehr zum Thema: Android-Smartphones, Smartphones, Galaxy-Smartphone, Smartphone-Markt, Apple-Smartphones

Fairer produzierte Handys

Wie viel Geld würdet ihr gerne mehr für ein neues Smartphone bezahlen, wenn durch den Aufpreis sichergestellt wäre, dass nur konfliktfreie Rohstoffe verwendet wurden?

  • 10 Euro
    15.03%
  • 20 Euro
    20.81%
  • 50 Euro
    45.66%
  • 100 Euro oder sogar mehr
    18.5%
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Kommentare
  1. 29.06.15 12:32 M.a.K (Handy Master)

    @ Laborant,

    das Fairphone war eine gute Idee, aber warum sollte man es kaufen wenn es einem nicht gefällt? Es gab nur ein Modell, da kann man keinen großen Ansturm erwarten bei dieser Auswahmöglichkeit.

    Ideal wäre es, wenn Apple oder Samung z.B 5% ihrer Geräte als fair produzierte Geräte verkaufen würden. Das wird aber nie passieren, ansonsten wäre es ja wie ein Schuldeingeständnis.

    Der Kunde hat die Macht, aber dass das so nicht klappen kann wissen die Firmen ja.

  2. 29.06.15 11:11 Laborant (Expert Handy Profi)

    M.a.K.: Was glaubst du, warum Apple zum Wertvollsten Konzern aufgestiegen ist? Weil sie Faire Preise für ihre Produkte verlangen und Hilfswerke für den Erhalt von Apple sammeln?
    Solange Produkte/Aktionen wie "FairPhone" den Leuten am Popo vorbeigehen, weil man doch lieber ein iPhone oder Galaxy will, können die Konzerne doch so weitermachen. Warum Geld für etwas ausgeben, was keinen Mehrwert bringt?
    Der Kunde hätte die Macht... der Kunde könnte Weltkonzerne untergehen lassen. Aber nein... man folgt dem Hype.

    Achja: Warum sollen die grossen Mastbetriebe ihre Politik ändern? Fleisch aus (sehr) Zweifelhafter Tierhaltung findet beim Volk ja dennoch reissenden Absatz. (Und ja, ohne dass ich selbst Veggie bin... auf Billigfleisch KANN man verzichten.)
    Exakt das Selbe...

  3. 28.06.15 23:08 nohtz (Professional Handy Master)

    sind auch genügend zwischenhändler, die daran verdienen, damit sich die großen konzerne eben nicht die hände schmutzig machen brauchen

    "Die Schuld auf den Verbraucher zu schieben macht keinen Sinn [...]"
    -->seh ich auch so

  4. 28.06.15 17:14 M.a.K (Handy Master)

    Vom Krieg profitieren immer die, die nicht direkt mitmachen. In diesem Fall Elektronikkonzerne weltweit.

    Was ich mich allerdings Frage ist, warum für Smartphones hier bis zu 1.000€ verlangt werden. Es werden also immer mehr Geräte produziert was den Preis drückt, die Konfliktmineralien sind auch schön billig und was die Arbeiter für das zusammenbasteln bekommen dürfte kaum der rede wert sein.

    Früher als noch vieles in DE produziert wurde, waren die neuesten Handys auch bezahlbar (Nokia/Siemens) und die gesammten Komponenten bestimmt nicht viel günstiger als heute.

    Zu der Umfrage: Ich wäre bereit 50€ für ein "sauberes" Smartphone oder TV mehr zu zahlen. Das war halt mein erster Gedanke, obwohl man überhaupt nicht weiß wie viel man mehr zahlen müsste. Es gibt ja nicht zwei identische Geräte mit und ohne Konfliktmineralien. Die Hersteller tragen hier meiner Meinung nach 100% der Verantwortung, denn sie könnten etwas ändern, wollen aber nicht.

    Die Schuld auf den Verbraucher zu schieben macht keinen Sinn, denn der Verbraucher wird eindeutig nicht richtig aufgeklärt da die Konzerne auf unschuldig machen wenn man sie auf solche Themen anspricht (wir versprechen besserung bla bla).

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