Autor:
Björn Brodersen
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Culture Clash: Coolpad zu cool vor Deutschland-Start

Was sich in China bewährt, muss nicht zwangsläufig auf dem deutschen Smartphone-Markt funktionieren: Der hiesige Markteintritt von Coolpad verläuft nicht so glatt wie geplant. Doch daran trägt Coolpad selbst Schuld: etwa mit bearbeiteten Werbevideos, die nicht vorhandene Features vorgaukeln. Der Deutschland-Start ist für das hierzulande noch unbekannte Unternehmen gleichzeitig eine Art Neuanfang.

Culture Clash: Coolpad zu cool vor Deutschland-Start

Das neue Coolpad | (c) Coolpad

Selbstbewusst startet Coolpad in den deutschen Markt: Das Unternehmen mit Hauptsitz im chinesischen Shenzhen gehört immerhin zu den Top 10 der absatzstärksten Smartphone-Hersteller, sieht sich durch die Pionierarbeit bei der Dual-SIM-Technologie als Innovationstreiber und bezeichnet sich im Heimatmarkt als führenden Anbieter von LTE-Smartphones. Doch für den Marktstart der ersten Smartphones unter eigener Marke in Deutschland muss Coolpad umdenken, will das hier noch unbekannte Unternehmen sich etablieren.

Kein randloses Display beim Coolpad Porto

Erste Fehler hat sich der Neueinsteiger bereits geleistet: Das schon bekannte Smartphone-Modell Porto bewirbt der Hersteller auf Bildern und in einem Werbevideo mit einem nahezu randlosen Display, obwohl das Gerät ebenso wie die drei kürzlich in München präsentierten Neuheiten Porto S, Torino S und Max einen breiten schwarzen Rahmen um die Anzeige hat. Dafür erntete Coolpad Kritik von Usern. Noch immer sind die bearbeiteten Bilder und Youtube-Videos auf der deutschsprachigen Website zu finden. [Update, 3. März 2016] Ende Februar hat Coolpad die entsprechenden Bilder ausgetauscht, wie uns der Hersteller jetzt darauf hinweist. [Update-Ende]

Coolpad-Logo | (c) Coolpad

Neues Logo | (c) Coolpad

Darauf angesprochen gelobte der neue Country Manager von Coolpad für Deutschland und die Schweiz im Gespräch mit Areamobile Besserung. "Sorry, das wird nicht wieder passieren. Wir wollten niemanden auf den Irrweg lotsen", so Christoph Lichtenberg. "Wir wollten einfach schnell starten. Aber wir werden die Dinge ändern und gehen jetzt einen neuen Weg mit neuem Logo. Unsere Bitte an die Kunden: Schaut euch die neuen Geräte an." Die Informationen auf der Website sind allerdings ohnehin nicht auf dem neuesten Stand: Das Porto wird Coolpad nicht in Deutschland einführen, denn von den beiden Geräten wird hierzulande ab Ende Februar nur das 169 Euro teure Modena erhältlich sein. Das Modena stellt Coolpad sowohl auf Bildern, als auch im Video mit dem vorhandenen schwarzen Anzeigerahmen dar.

Dass Coolpad Smartphones mit nahezu randlosen Displays bauen kann, hat es bereits als Auftragsfertiger für den Online-Video-Giganten Leshi Internet Information & Technology (LeTV) bewiesen, der zugleich einer der beiden größten Anteilseigner von Coolpad ist.

Schaden begrenzen musste Coolpad auch im vergangenen September, als das Unternehmen eingestehen musste, Smartphones mit einer vorinstallierten Software ausgeliefert zu haben, die ihm unter anderem das Installieren und Löschen von Anwendungen auf den Mobiltelefonen erlaubte. Angeblich diente das der Verbesserung des Bedienkomforts. Sicherheitspezialisten von Palo Alto Networks, die das Hintertür-Programm entdeckt hatten, deuteten die Sache anders: Coolpad habe den CoolReaper getauften Backdoor-Trojaner selbst auf mehreren Coolpad-Smartphones im System versteckt installiert und gesteuert. Immerhin: Coolpad versprach daraufhin den Kunden, künftig neue Software oder Updates nur noch mit deren Genehmigung auf den Geräten zu installieren.

Kenner des deutschen Marktes an Bord

Das 1993 als Pager-Hersteller und Netzwerkausrüster gegründete und zunächst unter dem Namen Yulong Telecommunication firmierende Unternehmen hat seinen Sitz in Shenzhen und ist seit 2004 an der Börse in Hong Kong notiert. Im September 2015 betrat der Hersteller den Smartphone-Markt in zehn osteuropäischen Ländern, bevor es Ende Januar auch den Launch in Deutschland und Schweiz feierte. Auch in andere Märkte außerhalb Europas wie etwa Indien drängt Coolpad, weil das Unternehmen im gesättigten Heimatmarkt im Vergleich zu Konkurrenten wie Huawei, Xiaomi, Vivo und Oppo zurückfällt und mit sinkenden Umsätzen kämpft. Neben der Expansion in andere Märkte setzt Coolpad jetzt auch auf Online-Marken.

"Der Erfolg von Vivo und Oppo ist auf gutes Hardware-Design, robuste Produktqualität, eine breite Verfügbarkeit bei Händlern sowie eine zunehmende Markenbekanntheit im Massenmarkt zurückzuführen", analysieren die Marktbeobachter von Strategy Analystics die aktuelle Situation auf dem chinesischen Smartphone-Markt. Das sind auch die Eckpfeiler in der Coolpad-Strategie für Deutschland und die Schweiz. "Das Smartphone-Design ist einer der entscheidenden Kaufgründe. Der erste Eindruck zählt", erläutert Lichtenberg. "Sowohl das neue Porto S als auch das neue Torino S können durch ihr schlankes, kompaktes Design überzeugen. Wir bringen zudem Highend-Features wie leistungsstarke Prozessoren, LTE oder Fingerabdrucksensor in neue Preisklassen. Das Torino S beweist das beispielsweise durch den Fingerabdrucksensor und das 2,5D-Edge-Curved-Glas-Design."

Für das 199 Euro teure Torino S hat der Hersteller den Begriff "Premium-Mittelklasse" erfunden. Das LTE-fähige Porto S kostet nur 129 Euro. Zielgruppe sind junge Menschen mit schmalem Geldbeutel sowie Eltern, die ihre Kinder mit einem preisgünstigen Smartphone ausstatten möchten. Ende März wird Coolpad nach eigenen Angaben die kürzlich in München neu vorgestellten Smartphone-Modelle an Händler in Deutschland und Schweiz ausliefern, so dass diese Geräte ab 1. April in den Shops verfügbar sein werden. Mit 1&1, Media Markt, Saturn und Amazon hat das Unternehmen namhafte Partner gewonnen, mit der Telekom verhandelt es offenbar noch.

Christoph Lichtenberg (Country Manager) und Frank Weierhorst (Sales Director) | (c) Coolpad

Christoph Lichtenberg (Country Manager) und Frank Weierhorst (Sales Director) | (c) Coolpad

"Wir sind sehr vertraut mit dem europäischen Markt, da wir seit vielen Jahren als ODM-Hersteller für große Telekommunikationsunternehmen in Europa arbeiten", sagte Denny Qiu, Head of European Business bei Coolpad, auf dem Launch-Event in München. Dass er hierzulande den richtigen Ton trifft, muss der Neueinsteiger jetzt beweisen. Was sich auf dem riesigen, lauten, schnelllebigen und verbraucherschutzärmeren chinesischen Mobilfunkmarkt bewährt, muss nicht auch in Europa funktionieren. Mit Christoph Lichtenberg als Country Manager sowie Frank Weierhorst als Sales Director hat Coolpad allerdings zwei erfahrene Telekommunikations- und Vertriebsprofis an Bord, die zuvor für den Wettbewerber HTC arbeiteten und jetzt für den Markteintritt und den Aufbau der Marke Coolpad in Deutschland und der Schweiz verantwortlich sind.

Coolpad Max mit privatem Bereich für sensible Daten und Anwendungen

Mehr gespannt sein als auf Torino S und Porto S darf man auf das Coolpad Max, das vermutlich im Mai oder Juni für einen Preis unter 300 Euro herauskommen wird. Dieses im edlen Aluminium-Unibody daherkommende Smartphone-Modell mit Full-HD-Display, Octa-Core-Prozessor, 4 GB RAM, LTE-Unterstützung und Fingerabdrucksensor spricht nämlich ein vielen Nutzern am Herzen liegendes Thema an: Sicherheit und Datenschutz. Das Coolpad Max ist mit zwei separat voneinander laufenden Android-Betriebssystemen bespielt, für die jeweils eine eigene Partition auf dem Flash-Speicher reserviert ist - einmal in der gewohnten Version mit einem öffentlichen Bereich und einmal in einer Version mit einem durch Zugangssperre, Nachrichtenverschlüsselung und Virenscanner gesicherten privaten Bereich für sensible Daten und Anwendungen. Der Wechsel von öffentlichem in den privaten Modus erfolgt zügig über ein Homescreen-Icon, dort genutzte Anwendungen und Funktionen sind für andere nicht sichtbar, wenn das Handy unachtsam liegengelassen wird.

Noch keine konkreten Pläne für Updates auf Android 6.0

Dieses tief ins Android-System eingreifende Feature von Cool UI, der herstellereigenen Benutzeroberfläche, zeugt von der Programmier-Power des Konzerns. In China und Amerika beschäftigt das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 2.000 Software-Entwickler. Wie sieht es dann mit neuen Android-Versionen für die OTA-Update-fähigen Coolpad-Smartphones aus? Coolpad verspricht zwar regelmäßige zeitnahe Updates, doch dabei wird es sich vornehmlich um Sicherheits-Aktualisierungen und Bugfixes handeln, wie Lichtenberg im Gespräch mit uns erklärte. Konkrete Pläne für Updates auf Android 6.0 Marshmallow für das Porto S, das Torino S und das Max gibt es derzeit nicht.

Dabei hätte Coolpad hier durchaus die Chance, sich von den Konkurrenten im Markt abzuheben. Beispiele von Billiganbietern aus Fernost, die lieber neue Smartphone-Modelle statt Updates auf neue Betriebssystemversionen für schon länger im Handel erhältliche Android-Geräte herausbringen, gibt es genügend. Selbst der weltweit drittgrößte und im europäischen Markt etablierte Hersteller Huawei erkennt offenbar erst jetzt die Bedeutung von Android-Updates für die Kunden und will sein Update-Team für Europa ausbauen.

Mehr zum Thema: Android-Smartphones, Smartphones, Smartphone-Markt

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