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Autor:
Björn Brodersen
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BQ-Chef del Prado: "Wir brauchen Menschen, die Technologie entwickeln können"

BQ ist fast ein Einzelfall: Kaum ein anderes Unternehmen in Europa stellt noch Smartphones her. Dabei gab es mal allein in Deutschland an die zehn Handy-Marken. Das spanische Unternehmen, das neben Smartphones auch Tablets, 3D-Drucker und Lernroboter herstellt, ist dagegen sogar erfolgreich in den Smartphone-Markt gestartet. Im Interview mit Areamobile schildert BQ-Mitgründer Rodrigo del Prado die Schwierigkeiten, die am Standort Europa bestehen.

BQ-Chef del Prado:

Areamobile bei BQ auf dem MWC | (c) BQ

Zwölf Jahre lagen zwischen dem Uni-Abschluss der Unternehmensgründer und dem Launch ihres ersten Smartphones, erzählt BQ-Geschäftsführer Rodrigo del Prado González. Dass so viel Zeit verging, liegt auch am Standort Europa, denn Smartphone-Produktion gibt es hier praktisch nicht mehr. In China wären Entwicklung und Launch eines neuen Smartphones innerhalb eines Jahres möglich gewesen, so del Prado. Mittlerweile sind die Spanier recht erfolgreich im Smartphone-Markt unterwegs, setzen dabei neben Android auf Kooperationen mit Cyanogen und Canonical (Ubuntu) und verfeinern Schritt für Schritt die Qualität ihrer Geräte.

Dass die Smartphone-Produktion fast gänzlich in Asien stattfindet ist nicht nur ein Standortnachteil für europäische Unternehmen, die in den Smartphone-Markt einsteigen wollen. Es hat auch Nachteile für Verbraucher und für junge Menschen bei der Berufswahl, wie del Prado im Interview mit Areamobile erläutert. Europa gehe so Wissen, Verständnis und Innovationskraft verloren.

AM: Warum kann man in China viel schneller ein Smartphone entwickeln und herausbringen als in Europa?

Rodrigo del Prado: Grundsätzlich kann man sagen, dass den jungen Unternehmen in Asien und vor allem in China ein industrielles Ökosystem zur Verfügung steht, das ihnen ausgezeichnete Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Ein Smartphone, wie auch jedes andere technologische Produkt, setzt sich aus den Bestandteilen Software, Hardware (Elektronik) und Design (Mechanik, Produktdesign) zusammen. Auch wenn der Software-Bereich in Europa normalerweise von den Start-up-Unternehmen dominiert wird, trifft dies für die anderen beiden Bereiche meistens nicht zu.

In den letzten Jahrzehnten wurde die Herstellung der Unterhaltungselektronik nach Asien ausgelagert. Heute wird der Großteil der Produkte dort hergestellt, was sich wiederum erschwerend auf das Entstehen von Alternativen in Europa auswirkt. Ohne ein bestehendes Ökosystem haben es neue Unternehmen sehr schwer. Die Zulieferer, die für die Entwicklung jedes Produktes unverzichtbar sind, besitzen keine Abnehmer in Europa. Dies wiederum hat zur Folge, dass es auch keine bestehenden Strukturen in der Region gibt. Die wenigen Unternehmen, die entstehen, haben es in Konkurrenz zu den asiatischen Firmen durch ein vergleichsweise niedriges Produktionsvolumen, dem Fehlen von Support und dem Nichtvorhandensein der Zulieferindustrie sehr schwer. Natürlich bietet die Existenz eines förderlichen Ökosystems bessere Voraussetzungen für das Entstehen eines Unternehmens als wenn dieses fehlt.

AM: Welche Nachteile entstehen daraus, dass die Handy-Produktion mittlerweile fast gänzlich in Asien abläuft?

del Prado: Das Problem liegt darin, dass sich Technologie immer auf die gleichen drei Pfeiler stützt: Software, Hardware und Design. Alle Gesellschaften benötigen Technologie. Sie dient dazu, Probleme zu lösen, ermöglicht uns, effizienter zu werden und mit der zunehmenden Komplexität der Umgebung sowie der Ressourcenknappheit umzugehen. Daher benötigen wir Menschen, die Technologie entwickeln können. Ohne sie ist es dem Unternehmensnetz, das zu fast 90 Prozent aus kleinen und mittleren Unternehmen besteht, nicht möglich, diese Technologie anzuwenden und auf dem Markt bestehen zu können.

Die Tatsache, dass es keine Unternehmen im Bereich der Technologieentwicklung gibt, führt dazu, dass junge Menschen diesen Bereich nicht als Berufsalternative in Betracht ziehen und wir für die Zulieferindustrie keinen ernstzunehmenden Markt darstellen. Solange wir nicht die richtige Ausbildung besitzen und uns die notwendigen Bausteine fehlen, kann sich diese Tendenz unmöglich ändern.

Daher zeigen wir bei BQ nicht nur, dass man Unterhaltungselektronik in Europa herstellen kann, sondern stellen auch das Werkzeug und das notwendige Wissen zur Verfügung, damit kommende Generationen mit Hardware und Design genauso selbstverständlich umgehen, wie sie dies mit Software tun. Wir hoffen, dass sich, wenn wir den Lernprozess von Kindern von klein auf fördern, diese eines Tages für eine technische Ausbildung entscheiden und sich trauen, ihre eigenen Start-up-Unternehmen zu gründen und damit erneut ein technologisches Umfeld in Europa entsteht.

Wie Sie bereits wissen, sind wir derzeit eines der wenigen Unternehmen, die noch die Kontrolle über die äußere Gestaltung, die Mechanik und Elektronik, das Design des Radios und eine strenge Qualitätskontrolle usw. besitzen. Sie selbst konnten sich bei Ihrem Besuch in unserem Unternehmen davon überzeugen. Dies ermöglicht uns, Technologie unter einem anderen Blickwinkel zu sehen. Uns ist bewusst, dass es sich um ein Werkzeug handelt, das allgegenwärtig ist und unser Leben vereinfacht. Damit wir sie in Zukunft weiterentwickeln können, benötigen wir mehr Ingenieure!

AM: Haben auch Verbraucher Nachteile dadurch, dass es in Europa kaum oder keine Smartphone-Produktion gibt?

del Prado: Die Tatsache, dass die Produkte nicht vor Ort entworfen und entwickelt werden, beinhaltet zwei grundlegende Probleme. Das erste und weniger gravierende ist, dass die Produkte eventuell nicht genau auf unsere Bedürfnisse oder unseren Geschmack abgestimmt sind. Das zweite, und meiner Ansicht nach schwerwiegendere Problem besteht darin, dass wir die Gelegenheit versäumen, die ein so großer Markt bietet, ein technologisches Ökosystem im Bereich Smartphone zu schaffen. Dies würde uns auch in Zukunft dazu dienen, Technologie jeglicher Art zu entwickeln.

AM: Was können wir dagegen tun?

del Prado: Als Konsumenten muss uns bewusst sein, welchen Nutzen uns Technologie in unserem täglichen Leben bietet und wie sie uns den Alltag vereinfacht. Wir müssen verstehen, wie wichtig es ist, Technologie selber zu entwickeln. Wir müssen in der Lage sein, sie zu erstellen, damit wir nicht zu 100 Prozent davon abhängig sind, sie zu importieren. Bei BQ sind wir der Ansicht, dass unser wesentlicher Beitrag darin besteht, unser Wissen zu teilen und Werkzeuge wie 3D-Drucker, Steuerplatinen und Lernroboter zu erstellen, die uns ermöglichen, uns bereits in jungen Jahren mit den Grundpfeilern der Technologie vertraut zu machen.

AM: Halten Sie das für realistisch, die Smartphone-Produktion nach Europa zurückzuholen?

del Prado: Entgegen dem Glauben der meisten Menschen geht es dabei nicht um die Frage der Lohnkosten. Das Problem ist, dass es kein Ökosystem gibt, das die Entstehung dieser Alternativen ermöglicht. Genauso wenig gibt es ein Unternehmen in Europa, das ein ausreichendes Volumen besitzt, um die Entstehung eines solchen Ökosystems zu ermöglichen. Soweit uns bekannt ist, sind wir das einzige Unternehmen, das ein Smartphone komplett von Anfang an entwickeln kann.

AM: Was macht BQ zu einem europäischeren Hersteller als andere Unternehmen?

del Prado: BQ ist Arbeitgeber von zirka 1.400 Menschen in verschiedenen europäischen Ländern. Davon ist knapp ein Drittel für die komplette Entwicklung unserer Geräte - Smartphones, 3D-Drucker und 3D-Scanner, Tablets, E-Reader und Lernroboter - zuständig. Dabei handelt es sich vorwiegend um europäische Ingenieure. Wir sind aktuell in der Lage, jedes einzelne Gerät unseres Produktportfolios selber zu entwerfen und zu entwickeln, manche sogar komplett herzustellen.

AM: Vielen Dank, Herr del Prado.

Mehr zum Thema: Android-Smartphone, MWC, Smartphone

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