Gestern schien die Welt noch in Ordnung: Siemens hatte am Montag mit dem taiwanesischen Technik-Konzern BenQ endlich einen "Käufer" für seine defizitäre Handysparte gefunden, die 6.000 Arbeitsplätze der betroffenen Mitarbeiter schienen gesichert und die Börse quittierte den Verkauf mit Kursgewinnen. Darüber hinaus könnte BenQ zusammen mit dem Marktanteil von Siemens auf den vierten Platz der Weltrangliste vorrücken. Auffallendes Design, viele technische Innovationen und schnelles Aufspüren von Branchentrends zeichnen die Asiaten nach Darstellung von Branchenkennern aus. Nun werden von verschiedenen Seiten jedoch vereinzelt Stimmen laut, die diese Transaktion kritisieren. Besonders kontrovers wird derzeit darüber diskutiert, ob die beiden Unternehmenskulturen überhaupt miteinander vereinbar sind. Während es in Deutschland 30 Urlaubstage, 13 Feiertage und eine Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden gibt, kommt Taiwan auf eine Jahresarbeitszeit von beachtlichen 2.100 Stunden - etwa 450 Stunden mehr als in Deutschland. Daher wird BenQ auch von den deutschen Arbeitnehmern vollen Einsatz erwarten, um das potenzielle Ziel der Weltmarktführerschaft zu erreichen.
Noch viel gravierender dürfte es sich auswirken, dass der taiwanesische Konzern im Handy-Geschäft noch gar keine Deutschland-Strategie hat. An den im internationalen Vergleich relativ teuren Produktionsstandorten in Deutschland dürfte BenQ ohnehin nur ein untergeordnetes Interesse haben. Dennoch ist Benq-Präsident K. Y. Lee zuversichtlich, dass er Siemens Handysparte binnen zwei Jahren in die Gewinnzone zurückführen kann.
Jetzt wurde außerdem bekannt, dass der Verkauf der Handysparte nicht das Ende von Siemens im Mobilfunkmarkt bedeutet. Die im letzten Jahr durch die Zusammenlegung der Festnetz-, Mobilfunk- und Netzwerktechniksparte entstandene Geschäftseinheit Communications wird demnach weiter betrieben. Nachdem die Krise mit der Handysparte ausgestanden ist, sind nun auch andere wenig lukrative Geschäftseinheiten bei Siemens von einer Schließung bedroht.
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