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Fairphone-Chef: "Irgendwann müssen wir ein neues Smartphone bauen"

Björn Brodersen 07.09.2017 - 12:00|2
Fairphone-Chef:

Mit dem ersten Fairphone kann das niederländische Sozialunternehmen den selbst gesetzten Anspruch nicht erfüllen: Fehlende Updates und Ersatzteile bedeuten das frühe Aus des Geräts. Dass mit dem modular aufgebauten Nachfolgemodell Fairphone 2 alles besser wird, bekräftigte Fairphone-Chef Bas van Abel im Gespräch mit Areamobiel am Rande der IFA.

Das Projekt Fairphone steckt voller Spannungen. Das Smartphone setzt in der Zielgruppe einen Kaufanreiz, dem manche Nutzer nachgeben, obwohl sie schon ein funktionstüchtiges Smartphone besitzen - das widerspricht dem wichtigsten Anliegen des Unternehmens. Die Macher wollen den Nachhaltigkeitsgedanken in der Smartphone- bzw. in der ganzen Elektronikbranche stärker etablieren. Dafür haben sie ein sogenanntes "Social Enterprise" gegründet, das wirtschaftlich arbeiten muss. Doch die Marke Fairphone mit ihrem bislang einzigartigen Ansatz ist inzwischen so stark, dass reine Nachahmer eigentlich keine Chance haben. Und Grenzen bei der eigenen Kapazität und dem Einfluss auf die Lieferkette zwingen das Unternehmen, zu wachsen und/oder Partner zu finden. Eine Gratwanderung, denn Fairphone braucht Partner, die das Projekt unterstützen, aber nicht den Kurs verändern wollen.

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Am Rande der diesjährigen IFA in Berlin setzte Fairphone ein Zeichen: Die Niederländer stellten neue Kameramodule mit höherer Auflösung vor, mit denen Kunden ihr vorhandenes Fairphone 2 selbst ausstatten können. Die Module sind seit dem 1. September im Fairphone-Webshop sowie bei ausgewählten Partnern verfügbar. Wie schnell ein altes Kameramodul des Fairphone 2 durch ein neues ersetzt ist, demonstrierte Fairphone-Technikchef Olivier Hebert in der vergangenen Woche auf dem Fairphone-Event: Einen Schraubenzieher und zweieinhalb Minuten brauchte er dafür. Künftig ausgelieferte neue Fairphone 2 sind bereits mit den neuen Kameramodulen bestückt.

Zweieinhalb Minuten dauert es, bis Fairphone-CTO Olivier Hebert das Kameramodul eines Fairphone 2 ausgetauscht hat. | (c) Areamobile
Zweieinhalb Minuten dauert es, bis Fairphone-CTO Olivier Hebert das Kameramodul eines Fairphone 2 ausgetauscht hat.

Auf die Frage, warum es "nur" eine bessere, aber nicht eine noch bessere Kamera für das Smartphone-Modell gebe, reagierte Hebert unwirsch: "Was gefällt Ihnen nicht an unser Kamera?", lautete seine Gegenfrage. Das können wir natürlich noch nicht beantworten, solange wir die neuen Kameramodule nicht im Einsatz getestet haben (Testeinheiten sind bestellt!). Doch die Blendengröße der Hauptkamera von f/2.2 verspricht beispielsweise nicht unbedingt gute Ergebnisse beim Fotografieren unter schlechteren Lichtbedingungen. Zum Vergleich: LG Electronics präsentierte am Tag zuvor das neue Spitzenmodell LG V30 mit einer Dual-Kamera mit einer Blendengröße von bis zu f/1.6. Was für die neue Fairphone-Kamera spricht: Der chinesische Hersteller TCL verbaut das gleiche Modul mit dem Omnivision-Sensor OV12870 für das Spitzenmodell Idol 5S.

Dass Fairphone-Nutzer kein Interesse an einer guten Smartphone-Kamera haben, glaube ich nicht. Jeder Fotografierende freut sich über hohe Bildqualität. Eher sind die Kosten für die Kameramodule entscheidend: Die rückseitige Hauptkamera mit 12-Megapixel-Auflösung und Dual-LED-Blitz kostet 45 Euro, die 5-Megapixel-Frontkamera 30 Euro. Im Paket können beide für insgesamt 69 Euro erworben werden. Das Fairphone 2 ist modular aufgebaut, auch andere Kernkomponenten lassen sich von den Besitzern selbst austauschen. Mit den neuen Kameras ist aber erstmals ein Upgrade einer Hardware-Komponente möglich. Das soll dafür sorgen, dass die Kunden ihr Smartphone länger als die üblichen zwei Jahre nutzen.

Wichtiges Zeichen auf der IFA an die Community

Eine Nutzungszeit von fünf Jahren schwebt den Fairphone-Machern vor. Das würde den CO2-Ausstoß um bis zu 30 Prozent senken, ermittelte das vor einiger Zeit das Fraunhofer-Institut. Modularität ermöglicht zudem eine Verbesserung der Recyclingprozesse, was Elektroschrott reduziere und zum Beispiel zu einer höheren Rückgewinnungsrate von Edelmaterialien wie Kupfer und Gold führe. Mit den alten Kameras des Fairphone 2 hat der Hersteller dagegen anderes im Sinn: Die von den Kunden zurückgesandten Module sollen aufgearbeitet werden, um als Quasi-Gratis-Goodies in der Community verteilt zu werden - etwa für Computermodule wie Raspberry Pi.

Das von Fairphone gesetzte Zeichen auf der IFA ist wichtig für das Unternehmen: Das Aus des ersten Fairphone mangels Ersatzteilen und einer Aussicht auf ein Update auf eine neuere Android-Version als 4.2 Jelly Bean sorgte für einen Vertrauensverlust in der Community. Dass es dazu kam, mag zum Teil an der anfänglichen Unerfahrenheit des Fairphone-Teams gelegen haben, hat aber auch mit der geringen Größe des Unternehmens und seinem Einfluss auf die Lieferanten solcher Komponenten zu tun. Deshalb sucht Fairphone jetzt nach Investoren, um schneller zu wachsen, Kapazitäten auszubauen und mehr Bedeutung in der Branche zu bekommen - nicht nur für Verbraucher, sondern auch gegenüber Zulieferern.

Mehr zum Thema: Android-Smartphone, Smartphone, IFA, Smartphone-Markt

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Kommentare
  1. 14.09.17 17:55 IchBinNichtAreamobile.de (Advanced Handy Master)

    @Oannes: Du bist schlicht nicht die Zielgruppe. Das Gerät ist für Menschen, die die Zustände in der derzeitigen (Smartphone-)Industrie nicht so hinnehmen und daher eine Alternative suchen.

    Beim ersten Fairphone lag das Hauptaugenmerk auf der menschengerechten Herstellung des Gerätes. Derzeit liegt es irgendwie auf allen grünen Argumenten gleichzeitig und ich muss sagen, dass das beim Fairphone 2 vllt sogar gelingt.
    - unter menschenwürdigen Konditionen hergestellt (wobei man sich hier ein bisschen auf FairPhone verlassen muss)
    - einfache Reparatur möglich
    - einfaches Upgraden einiger Komponenten möglich
    - Software derzeit auf dem aktuellen Stand

    Nach dem Debakel mit dem ersten Fairphone hat das schon mehr Hand und Fuß. Ich kann den Machern des Fairphones nur viel Glück wünschen.

    "Auch wenn es zynisch ist: Es gibt Leute, die sich ein Fairphone kaufen, nur um es in gewissen Kreisen bei Events vorzeigen zu können. Nach dem Event wird die SIM dann schnell wieder ins neuste iphone gepackt. Ist das fair? Ist das nachhaltig?"
    >>Da kann man nichts machen, aber selbst diese Menschen unterstützen, wenn auch mehr durch Stolz und Eitelkeit geleitet, eine gute Sache.

  2. 14.09.17 01:17 Oannes (Youngster)

    Wer wird sein aktuelles, modernes Gerät durch ein Fairphone 2 ersetzen wollen? Auch wenn es zynisch ist: Es gibt Leute, die sich ein Fairphone kaufen, nur um es in gewissen Kreisen bei Events vorzeigen zu können. Nach dem Event wird die SIM dann schnell wieder ins neuste iphone gepackt. Ist das fair? Ist das nachhaltig?

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