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Magic Leap: Technikrevolution oder Blase?

Sebastian Zelada 18.02.2018 - 15:30|4
Magic Leap: Technikrevolution oder Blase?

Das Augmented-Reality-Phänomen Magic Leap soll Smartphones, TVs und Computer im Alleingang ablösen und das nächste große Ding werden. Doch die Kritik wird lauter.

Rony Abovitz ist der CEO von Magic Leap und er will mit seinem Start-Up in Florida nicht weniger als die Computerwelt verändern. Statt für Anwendungen, Spiele und Übertragungen auf einen Screen zu sehen - ganz gleich ob Computermonitor, Tablet oder Smartphone - sollen wir künftig durch Brillen blicken. Die Technologie, die Abovitz' Unternehmen anvisiert, soll irgendwann soweit sein, Bilder direkt auf die Netzhaut zu projizieren und somit eine Augmented Reality schaffen, die uns vorgaukelt, dass sich virtuelle Objekte in der realen Welt befinden. Anders als in der Virtual Reality ist der Nutzer dabei nicht abgeschottet - die Technik bindet die künstlichen Welten direkt in die Realität ab.

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Das können beispielsweise Office-Programme sein, deren Fenster frei im Raum angeordnet werden können und die an Ort und Stelle verweilen, auch wenn man den Kopf schwenkt. Selbst virtuelle TVs können langfristig platziert werden. Einmal an die Wand "gehängt" bleibt der beliebig große Fernseher an Ort und Stelle, auch wenn man ihn erst nach Wochen nutzen will. So würden Bildschirme überflüssig werden und die Umgebung könnte den Monitor ersetzen. Das Mail-Programm schwebt links neben dem Kopf, der Browser rechts und die Excel-Tabellen direkt vor dem Anwender. Das alles in beliebiger Größe. Auch Spiele sollen damit möglich werden. Vergleichbar sind die angepeilten Erlebnisse mit einer deutlich ausgereifteren Version der "Pokémon GO"-Technik. Einen Eindruck davon verschaffen bislang aber nur Videos.

Fauler Zauber?

Das sieht überragend aus und soll wohl weitgehend über Augenbewegungen und einen Bewegunscontroller ähnlich Google Daydream gesteuert werden, wie bereits durchsickerte. Aktuell bestehen die Videos aber bisher offensichtlich aus nichts weiter als Special Effects und Marketingversprechen. Wie sich herausstellte, sind zumindest einige der Trailer nicht mit dem wirklichen Gerät aufgenommen, sondern vom neuseeländischen Unternehmen Weta Workshops mit reichlich Effekt-Hokus-Pokus realisiert worden - auch wenn Magic Leap behauptet, die Aufnahmen bestimmter Videos seien nicht nachbearbeitet, bestehen einige Zweifel. Weta Workshops hat bereits die Special Effects für namhafte Hollywood-Produktionen wie "Mad Max: Fury Road" oder "Der Hobbit" umgesetzt.

Echte Beweise, dass die Technologie auch nur ansatzweise so gut funktioniert, wie sie vorgibt, bleiben Rony Abovitz und seine Mitarbeiter weiterhin schuldig. Doch warum sind dann Technikriesen wie Google und Alibaba mit immensen Summen in das Projekt eingestiegen? Insgesamt hat sich Magic Leap seit seiner Gründung im Jahr 2010 mit zwei Milliarden Dollar an Investorengeldern versorgt und beschäftigt aktuell knapp 1.500 Mitarbeiter an mehreren Standorten. Dabei muss doch etwas herumkommen, oder?

Physikalisch unmöglich?

Nicht unbedingt, sagt Karl Guttag, der seit vier Jahrzehnten an Bildschirmtechnologien arbeitet und auch heute mit der Entwicklung von AR- und VR-Technik zu tun hat. Eines seiner letzten großen Projekte war Navdy, ein Unternehmen, das sich der Entwicklung von Head-Up-Displays für die Automobilindustrie verschrieben hat. Für ihn ist der Ursprungsgedanke, den Magic Leap verfolgt, nach heutigem technologischen Standard nicht zu realisieren. Alleine ein Full-HD-Bild mit 120Hz umzusetzen sei physikalisch nicht umsetzbar.

Technik-Revolution Magic Leap? | (c) Hersteller
Technik-Revolution Magic Leap? | (c) Hersteller

Für ihn ist Magic Leap eine Täuschung und nahe am Betrug. Und zu dieser Meinung kommen inzwischen immer mehr Beobachter. Zumindest jedoch wachsen die Zweifel an der angeblichen Wundertechnik. Laut Karl Guttag handelt es sich bei der Displaytechnik um einen Wellenleiter mit diffraktiver Optik, den auch Microsofts Hololens nutzt - dort aber mit einem besseren Blickwinkel und besserer Blickdurchlässigkeit. Nicht also, das den Hype rechtfertigen würde.

Magic Leap setzt auf Star-Power

Guttag kommt zu diesem Schluss, nachdem er das aktuellste Video des Start-Ups analysierte, in dem Magic Leap-Boss Rony Abovitz mit dem NBA-Boss Adam Silver eine kurze Vorschau auf Magic Leap gibt. Dort ist der ehemalige Basketball-Profi Shaquille O'Neal zu sehen, der die aktuelle Version der Brille trägt. Dabei demonstriert er sie jedoch nicht, sondern beschreibt das Erlebnis, dass er angeblich zuvor auf ihr gesehen hatte und bei dem es sich um die Übertragung eines NBA-Spiels handelte. "Es war das unglaublichste Ding", so der Star. "Ich habe mich gefühlt als würde ich einen Zwillingsbruder haben. Ich habe diese Brille aufgesetzt und habe den bestaussehenden, großen schwarzen Typen erblickt, den ich je in meinem Leben gesehen habe und meinte: Oh, das bin ich!"

Technik-Revolution Magic Leap? | (c) Hersteller
Sieht so das Büro der Zukunft aus? | (c) Hersteller

Das klingt so cool, wie es vage ist und offenbart das Problem, das Magic Leap aktuell hat. Abgesehen von den jahrelangen Versprechungen, den zwei Milliarden und den Special-Effects-Videos, ist bisher nichts von der Zukunftstechnik zu sehen. Warum ist das so? Klar ist, dass Unternehmen mit angeblich revolutionären Konzepten ihre Technologie verständlicherweise wie ein Baby behandeln müssen, um der Konkurrenz möglichst wenige Infos zuzugestehen. Dass Geheimniskrämerei nicht zwingend mit leeren Versprechungen gleichzusetzen ist, zeigte das erste iPhone. Apples Debüt auf dem Handymarkt hatte 2007 einen immensen Technikvorsprung. Bis mit dem Samsung Galaxy S das erste Smartphone auf den Markt kam, das hinsichtlich der Touch-Features und der Bedingung in einer Liga mit dem Apple-Gerät spielte, vergingen über zwei Jahre.

Droht das Schicksal von Oculus?

Doch es kann auch in die andere Richtung ausschlagen. Sehen wir uns eine der AR-Technik nicht unähnlichen Branche an, landen wir schnell bei Virtual Reality wie Oculus VR. Mit Oculus Rift versprach das Unternehmen eine Revolution, die einen unglaublichen Effekt auf die Art wie wir arbeiten und die Unterhaltungsbranche haben sollte. Herausgekommen sind bisher schwache Verkaufszahlen, eine immer noch nicht vollständig ausgereifte Technik und eine wachsende Skepsis, ob VR in den kommenden Jahren die Rolle spielen kann, welche die Marketingversprechen vor wenigen Jahren noch machten. Und die Sorge wächst auch bei Magic Leap.

Der angebliche ehemalige „Magic Leap"-Mitarbeiter Rob Wyatt, nach eigenen Angaben früher zuständig für die Architektur der Hardware, fragte bei Facebook, warum man für das Gerät Applikationen entwickeln sollte, wenn man sie auch für Apple machen kann. Er ist vor über einem Jahr bei Magic Leap ausgestiegen und hat eine klare Meinung zum Projekt. Der Plan, Magic Leap mit einer eigenen Prozessoreinheit auszustatten, statt es an Smartphones anzubinden, sei ein Fehler gewesen.

Kooperation statt Konkurrenz

Magic Leap hat einen Taschencomputer in Smartphonegröße entwickelt, der über ein Kabel die Brille befeuert. Doch da Qualcomm zu den Investoren gehört, kann es gut sein, dass ein aktueller Snapdragon das Geräts antreibt. Nichts was moderne Smartphones also nicht auch könnten. Die dadurch geschaffene Konkurrenz mit Smartphones sieht er als Problem an: "Ich will nicht noch einen Computer mit mir herumtragen." Laut Wyatt wären die Kosten für die Entwicklung des externen Computers für die Tasche besser in eine drahtlose Lösung geflossen. Man hätte sich die Smartphone-Hersteller lieber zu Partnern als zu Konkurrenten machen sollen.

NBA-Star verrät geheime Details

Es wird spannend zu beobachten, wie sich Magic Leap dieses Jahr entwickelt. Der Druck wächst und das Team von Rony Abovitz muss liefern. Die Investoren scheinen aktuell weiter Willens zu sein, Geld in das Projekt zu pumpen. Die Partnerschaft mit der NBA könnte für Magic Leap tatsächlich zu einem wichtigen Vehikel werden, die Brille ins Bewusstsein der Menschen zu bekommen. Noch ist das Bewusstsein in der Öffentlichkeit nicht auf breiter Basis geweckt. Dass es noch etwas werden könnte, lassen Infobrocken hoffen, wie die des NBA-Spielers Andre Iguodala. Anfang 2017 wurde er von CNET interviewt und plauderte ein wenig über Dinge, von denen er angeblich nicht sicher war, ob er sie überhaupt verraten dürfe. „Da gab es so viele Dinge. Beispielsweise kannst du dein Hand öffnen und ein Charakter erscheint auf deiner Handfläche. Ich habe mir eingebildet, ich könnte ihn auf meiner Hand spüren. Dein Verstand führt dich da manchmal in die Irre. Dieser Charakter funktioniert dann im Grunde wie Siri und kann beispielsweise das Licht anmachen."

Smarthome mit den Augen steuern

"Aktuell kannst du alles mit dem Smartphone kontrollieren. Aber [mit Magic Leap] kontrollierst du alles mit deinen Augen. Du bewegst deine Augen und es [registriert die Bewegung]. Du kannst das Licht anmachen, die Heizung, den Ofen ausmachen, anmachen, ihn vorheizen - alles Sachen, die man mit Smarthome machen kann. Ich kann einen 80-Zoll-TV an die Wand werfen und fernsehen. Man kann seine Kinder überwachen. Wenn sie Magic Leap anhaben, kann man ihnen im Klassenzimmer zusehen und die andern Kinder sehen und den Lehrer."

Technik-Revolution Magic Leap? | (c) Hersteller
Tragbarer Mini-PC als Datenlieferant für die Brille | (c) Hersteller

Für Iguodala steht fest: „Das revolutioniert das ganze Leben. Das ist revolutionäre Technik. Das bringt Leute näher zueinander. Was wir von Smartphones gelernt haben ist, dass sie den sozialen Aspekt in den Hintergrund rücken, weil jeder auf sein Handy starrt. Man interagiert nicht mehr wirklich mit den Leuten. [Magic Leap] wird sie wieder zusammenbringen."

Die Vision klingt in jedem Fall verlockend. Keine traditionellen Screens mehr, die ganze Welt als Arbeits- oder Spielplatz nutzen und lediglich eine Brille statt mehrere Bildschirme - Tablets, Smartphones, TVs und Monitore wären überflüssig. Es wird sich zeigen, was Magic Leap zu leisten imstande ist. Dieses Jahr soll eine erste Version für Entwickler veröffentlicht werden. Eine Version für Endverbraucher in naher Zukunft. Wann das sein wird? Wir müssen uns wohl gedulden. Mit Infos halten sich die Macher aus Florida weiterhin zurück.

Mehr zum Thema: Augmented Reality (AR)

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Kommentare
  1. 20.02.18 11:36 Antiappler (Advanced Handy Profi)

    @ibnam

    "Du meinst wie in Futurama das "Eye-Phone" :p"

    Ja, daran hab ich gedacht. :-D Oder an sowas. :-D

    http://www.open-a-socket.com/index.php/2008/07/13/forget-the-iphone-meet-the-eyephone/

  2. 18.02.18 22:44 DerZander (Handy Profi)

    https://i.ytimg.com/vi/0wn_nL2b9Jk/maxresdefault.jpg

  3. 18.02.18 16:38 IchBinNichtAreamobile.de (Advanced Handy Master)

    @Topic: Magic Leap gibt es ja schon einige Jahre und es sieht wirklich aus wie ein Geldgrab. Das müsste den Investoren aber eigentlich auch schon aufgefallen sein, was natürlich ein bisschen wie Absicht aussieht.

    @Antiappler:"Und der nächste Schritt wäre, den Menschen einen "Chip" in den Kopf (Auge) zu setzen, der die "Brille" überflüssig macht.
    Am besten schon gleich nach der Geburt. ;-)"
    >>Du meinst wie in Futurama das "Eye-Phone" :p

  4. 18.02.18 16:05 Antiappler (Advanced Handy Profi)

    Was sagt denn das Gehirn dazu, wenn einen so viele Sachen "umkreisen"? Muss man dann nicht dauernd kotzen?

    3D sollte doch auch mal so viele Vorteile bringen, aber die paar Hersteller haben damit keinen Erfolg gehabt.

    Ich kann mir jedenfalls beim besten Willen nicht vorstellen, dass es "prickelnd" ist, seinen mehrere Stunden dauernden Fernsehabend mit so einem Teil im Gesicht zu verbringen.

    Und der nächste Schritt wäre, den Menschen einen "Chip" in den Kopf (Auge) zu setzen, der die "Brille" überflüssig macht.
    Am besten schon gleich nach der Geburt. ;-)

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