Die Aufregung der zahlreichen Palm-Nutzer wächst. Wer aufmerksam die vielen Diskussionen in den zumeist englischsprachigen Palm-Foren im Web verfolgt, dürfte in den letzten Wochen einige Schockmomente erlebt haben. Am 8. Juni 2005 proklamierte ein entrüsteter Stammuser der Insider-Site PocketPCThoughts, PalmOS sei tot. Totgesagte leben länger – dieser Spruch gilt in der IT-Landschaft leider selten (Apple vielleicht als prominentes Gegenbeispiel einmal ausgenommen). Doch fangen wir mit der Problemanalyse an.
Wir schreiben das Jahr 2003. Der amerikanische Traditions-Hersteller von Handhelds und gleichnamigen Betriebssystemen Palm verzeichnete im Vorjahr Rekordverluste. Den Managern von damals ist klar, dass etwas passieren muss. Nach reiflicher Überlegung entscheidet sich das Management zu einem Schritt, der zum Auslöser für die denkwürdige Situation wurde, in der Betriebssystem, Geräte, Anwender und Mitarbeiter heute stecken: das Unternehmen wird Mitte 2003 in zwei Teile geteilt. Die daraus entstandenen Töchter PalmOne und PalmSource sollen sich getrennt voneinander um die Entwicklung von Endgeräten und Software-Basis kümmern.
Das Marketing hat längst erkannt, was viele PDA-Fans illusioniert übersahen: Smartphones haben das Feld betreten und werden zur ernstzunehmenden Gefahr für die herkömmlichen Handhelds. Systeme wie SymbianOS oder Windows Mobile lassen sich problemlos gleichermaßen für Telefonie und Handheld-Funktionalität wie PIM (Personal Information Management), Messaging oder Applikationen verwenden. PalmOS 5.x - das unter dem Codenamen Garnet entwickelt wird - kann das nicht.
Mit Hochdruck arbeitet man am unter dem Codenamen Cobalt am Nachfolger, doch Probleme bei der Entwicklung der fürs Palm-System völlig neuen Multithreading-, Networking- und Filesystem-Features verlangsamen dessen Release Monat um Monat. Als das damals noch eigenständige Unternehmen Handspring im Sommer ein Smartphone mit angepasstem PalmOS 5.4-System und stabilen Telefoniefunktionen, den Treo 600, vorstellt, muss Palm in den sauren Apfel beißen: Ende Oktober 2003 ist die ungleiche Fusion zwischen Palm und Handspring abgeschlossen, der Treo 600 ein zugekauftes Produkt von PalmOne.
Erst im Januar 2004 ist es dann soweit: PalmOS 6 wird offiziell vorgestellt und bereits im Vorfeld mit Jubel der Community aufgenommen. Doch die Katerstimmung nach der Euphorie hält bis heute an – bislang ist kein einziger Lizenznehmer des Systems, nicht einmal die Schwestergesellschaft PalmOne, bereit, das System auf seinen Endgeräten zu installieren. Für PalmOne arbeitet es sich ohnehin leichter auf dem bestehenden System, denn entgegen der Direktive "PalmSource entwickelt, PalmOne baut Smartphones" ist sich PalmOne nicht zu schade dafür, selbst Updates für das bis 2009 lizensierte System zu schreiben. Ohne die wären Entwicklungen wie der neue Treo 650 auch gar nicht möglich. Mangels Aufwärtskompatibilität fließen aber viele Funktionen, die PalmOne dem Garnet-System hinzugefügt hat, gar nicht in die Entwicklungslinie von Cobalt ein.
Im Februar 2004 kündigt David Nagel, einstiger CEO bei PalmSource, an, dass Garnet noch lange neben PalmOS 6 koexistieren soll. Seitdem warten viele Hersteller und Lizenznehmer sehnlichst auf die Freigabe eines Systems: Samsung Electronics, Sony Ericsson und Kyocera Wireless bekundeten schon früh ihr Interesse an Cobalt.
Das Sterben begann mit Sony. Der japanische Elektronikriese gibt im Sommer 2004 zugunsten seiner kommenden mobilen Spielekonsole PSP seine PalmOS-PDA Reihe Clié auf, will nur noch in Japan neue Geräte vorstellen. Alle Weiterentwicklungen, die Sony an PalmOS vorgenommen hat, darunter die MP3-Wiedergabe, Kamera-Features, WiFi- und Bluetooth-Ports sowie der Support für hochauflösende Displays und das hauseigenen MemoryStick-Format fallen unter den Tisch. Nur noch wenige neue Geräte werden mit dem einst mächtigsten Handheld-System der Welt vorgestellt, darunter PalmOnes Flaggschiff Tungsten T5 und einige kleinere Genossen der Palm Zire-Reihe.
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