Ein Befreiungsschlag muss her, ein Beweis dafür, dass der frühere Marktführer das Potenzial hat, auch im umkämpften PDA- und Smartphone-Markt seine Position zu finden und den nachwachsenden Geräten mit ausgereifter Multimedia-Funktionalität Paroli zu bieten. LifeDrive heißt der im Mai dieses Jahres gestartete Versuch, dessen Ausgang auch heute noch ungewiss ist. Mit dem Festplatten-PDA will PalmOne nicht nur ein hochwertiges Multimedia- und Musik-Device auf den Markt bringen, sondern auch Konkurrenz wie Nokias 7710 oder Apples iPod beikommen.
Dass man das LifeDrive gleich in eine selbstkredenzte Geräteklasse – die "Mobile Managers" einordnet, die aus Marketingsicht nicht ein einziger anderer Hersteller zu bieten hat, lässt sich wohl als bessere PR-Ente werten. Die Resonanz ist in Fach- wie in Fankreisen fast ausschließlich positiv, das Gerät dank 4GB-Festplatte, WiFi-Schnittstelle und 480x320 Pixel großem transflektiven Display mit Sicherheit alltagstauglich, basiert aber nach wie vor auf der Version 5.4 von PalmOS – und die stammt von PalmOne. Darüber hinaus verfügt das LifeDrive über einen USB2.0-Port für den schnellen Datenaustausch mit PCs und einen SMB-Client, mit dem es gekoppelt an einen Windows-Rechner bzw. einen Samba-Server Gebrauch von den komfortablen Windows-Netzwerkfreigaben machen kann.
Ob es ein beleidigter Akt des kaum beachteten Zulieferers oder das endgültige Aus fürs nie fertig werdende Betriebssystem Cobalt war, ist nur schwer zu differenzieren: im Dezember 2004 akquiriert PalmSource das chinesische Softwarehaus China Mobilesoft, das für die Entwicklung des embedded-System mLinux verantwortlich zeichnet. Linux und PalmOS – zwei Welten wie sie unterschiedlicher nicht sein können, finden nicht ohne Grund zueinander: während das vom Desktop/Server abstammende freie Unix-Derivat eine gute Grundlage für zeitgemäße Multimedia- und Smartphone-Funktionalität liefert, stellt PalmOS die Grundlage für intuitive Menüführung und anerkannten Bedienkomfort.
Das Problem, das sich für PalmSource nach der Übernahme stellt, ist die Verehelichung der ungleichen Partner – was bislang als Ding der Unmöglichkeit galt und bisher eigentlich nur Microsoft marginal gelingt, will das Unternehmen anpacken und in ein Palm-System mit Linux-Unterbau gießen.
Monatelang war man auf der Suche nach Lizenznehmern, nachdem das Interesse an der neuen Systemarchitektur bei PalmOne ganz offensichtlich aber unausgesprochen nicht gerade euphorische Züge annahm. Am 7. Juli ließ PalmSource verlauten, dass LG Electronics Interesse an einer engen Zusammenarbeit habe.
Der schlechteste Partner ist der koreanische Elektronikriese, der in Europa eher wegen seiner Kühlschränke, DVD-Brenner und Mikrowellengeräte bekannt sein dürfte, übrigens nicht: im vierten Quartal des letzten Geschäftsjahres erwirtschafteten die Koreaner bei einem Rekordabsatz von Mobiltelefonen und einem Umsatz von 4,8 Milliarden Euro stattliche 106 Millionen Euro Gewinn. Das auf der Weltrangliste zwischen Platz 4 und 5 pendelnde Unternehmen will 2005 62 Millionen Endgeräte absetzen und einen Einstieg in den Smartphone-Markt wagen. Die aktuellste News zum Thema dürfte die Erwartungshaltung aber etwas dämpfen: am 18.07.2005 präsentierte LG nicht gerade rosige Zahlen fürs zweite Quartal 2005. Um 70% sei der Verkauf von Mobiltelefonen eingebrochen, die Absatzprognose wurde auf 50 Millionen Endgeräte gesenkt.
Wie so oft dürfte sich auch die Zeit als schwerwiegenster Faktor gegen den Erfolg des amerikanisch/koreanischen Vorhabens stellen. Patrick McVeigh, der am 23.05.2005 pünktlich zum Beginn von PalmSource's wichtigster Entwicklermesse seinem Vorgänger David Nagel das Ruder aus der Hand nahm und CEO bei PalmSource wurde, kündigte in einer Telefonkonferenz an, was die Kooperation von LG und die Übernahme des chinesischen Embedded Linux für PalmOS bedeutet. Da man ohnehin nicht mit der Weiterentwicklung von Garnet betraut sei, wird sich das Unternehmen voll und ganz auf die Entwicklung des Hybridsystems konzentrieren – und dabei den Code von Cobalt erst einmal ruhen lassen.
Eine erste Version, die man erstrangig für Low-End-Telefone schreibt, sei allerdings nicht vor Ende Sommer 2006 zu erwarten. Geht man davon aus, dass auch PalmSource es nicht schafft, den „Schweinezyklus“ im Mobiltelefonbau zu umgehen, nach dem die Entwicklung eines neuen Handymodells zwischen 12 und 18 Monaten dauert, muss man sich bis zum ersten Release eines Geräts mit dem neuen System möglicherweise sogar bis 2007 gedulden – dann ist Windows Mobile 5.0 übrigens schon fast anderthalb Jahre am Markt! Da sich PalmOne und der nicht lieferfähige Zulieferer von Software PalmSource ohnehin nicht mehr allzu viel zu sagen haben, scheint es so schon fast wahrscheinlicher, dass man man zeitnah eher ein Windows-Smartphone von PalmOne erwarten könnte, als ein Gerät auf Basis von PalmOS Cobalt. So fest wie das Amen in der Kirche steht mittlerweile die Meinung, dass der herkömmliche PDA ausgedient hat: Smartphones werden spätestens 2008 auch den Organizer-Markt beherrschen.
Eine Konsequenz aus der wenig fruchtbaren Trennung der beiden Unternehmen zog PalmOne am 14.Juli 2005, auch wenn es sich dabei im wesentlichen nur um eine kosmetische Veränderung handelt: das Unternehmen heißt nun wieder schlicht „Palm“ und hat sein Logo wieder in die bewährte und mit hohem Wiedererkennungswert behaftete Kreisform gedrückt, die seinerzeit vom Gestalter Turner Duckworth entworfen wurde. Ab Herbst wird das neue Logo wieder die Produkte von PalmOne zieren.
Großartig!