Das Rennen um das beste Linux für Mobiltelefone läuft seit einigen Jahren. Kaum aufzählbar sind die Bemühungen kommerzieller Anbieter und unabhängiger Entwickler für ein freies Betriebssystem, das sich auf beliebigen Handys installieren lässt und sie aufrüstbar macht wie einen PC mit seiner Software. Doch dieses Jahr wird es ernst: Durch Googles Android und den Zusammenschluss der LiMo Foundation sind milliardenschwere Player erschienen, die den Markt aufrollen wollen. Das erste wirklich offene Linux-Handy stammt aber von der kleinen Firma OpenMoko und ist noch viel ambitionierter als die Ansätze der Großen: Es lässt sich bis in die tiefsten Ebenen selbst programmieren, so dass Unkundige auch einiges vermurksen können. Wir haben uns das neueste Modell einmal genau angeschaut.
Neo Freerunner lautet der Name des Geräts, das gemeinsam mit einem USB-Kabel aus der mattschwarzen Schachtel fällt, wenn man es für 349€ bei OpenMoko in den USA oder einem von vier Spezialversendern in Deutschland bestellt hat. Mehr als 180 Gramm wiegt das kleine Handy, das OpenMoko um sein gleichnamiges Betriebssystem gebaut hat, und mit seinem schlichten Design ist es gewiss nicht das Schönste seiner Art. Dafür wirkt es aber sehr robust und hat einen praktischen Haltegriff. Der Geruch von neuen Reifen, den der Gummiüberzug über den Kunststoffgehäuse verbreitet, wird hoffentlich bald verfliegen.
Im Inneren des Freerunner werkelt eine mobile Samsung-CPU (S3C2442B) auf ARM-Basis, die in ähnlicher Form auch bei Smartphones mit Windows Mobile zum Einsatz kommt. Der Prozessor lässt sich bis auf 500 Megahertz hochtakten, im Normalfall arbeitet er aber nur mit 400 Megahertz und bremst im Standby bis auf 50 Megahertz ab. Das reicht aus, um den GSM-Betrieb aufrecht zu erhalten und spart Strom, mit dem der Freerunner vergleichsweise gut versorgt ist: Der Akku speichert 1200mAh und wird damit den vielen Energiesündern gerecht, die im Gehäuse stecken. Dazu gehört ein Chipsatz für Bluetooth 2.0 EDR, ein berührungsempfindliches VGA-Display mit 640x480 Pixeln Auflösung, WLAN, ein 3D-Beschleuniger, Lagesensoren und eine GPS-Antenne, die auch die funkverstärkte Lokalisierung per AGPS unterstützt.
Wem beim Lesen der Hardwareliste schon die Augen leuchteten, der sollte schnell den Bootvorgang durch einen Druck auf den seitlich angebrachten Powerknopf beginnen. Danach startet ein befremdliches Schauspiel, das Durchschnittsnutzer wahrscheinlich erschauern lässt: Mehrere Bildschirmseiten mit winzigen Textzeilen rauschen über das Display. Experten wissen: das ist kein Bildschirmschoner. Das sind die Systemmeldungen eines startenden Linux-Kernels, die 20 Sekunden später von einem OpenMoko-Logo und einem Fortschrittsbalken überdeckt werden.
Wer jetzt als eingefleischter Windows-Nutzer ein mulmiges Gefühl bekommt, der sollte den zweiten Teil dieses Artikels lieber nicht lesen. Denn der Neo Freerunner beruht größtenteils auf ähnlichen Erlebnissen wie beim Boot-Vorgang. Auf diesem Handy ist fast gar nichts vorinstalliert, alles muss man selbst machen. Ohne Linux-Vorkenntnisse lässt sich aus dem Gerät nicht das mindeste herausholen. Für Linux-Liebhaber ist die Installation aber ein wahres Abenteuer, so dass sich der Blick in den nächsten Teil durchaus lohnt.
Der Startbildschirm eines neuen Neo Freerunners bietet kaum Auswahloptionen. Ein Häuschen führt zum Hintergrundbild, ein Plus zu einer kurzen Anwendungsliste und ein paar Zahnräder zum Taskmanager. Den oberen Rand zieren ein paar für Handys übliche Symbole, die sich meistens aber nicht einmal antippen lassen. Ein Blick ins Anwendungsmenü führt kaum weiter: Hier findet man eine rudimentäre und äußerst störrische Kontaktverwaltung, bei der man meistens daneben tippt oder die anders reagiert als gewünscht, ein Wählfeld samt Anrufhistorie und eine Messaging-Software, mit der sich 160 Zeichen lange SMS schicken lassen. Lediglich der letzte Punkt "Terminal" erweckt die Hoffnung, dass man noch mehr mit dem dummen Smartphone anfangen kann.
Probieren wir es also aus. Ein Druck auf die weiße Fläche öffnet ein T9-Tastenfeld, mit dem man Befehle eintippen kann. Eine QWERTZ-Tastatur, Handschrifterkennung oder eine andere komfortable Eingabemöglichkeit gibt es nicht. Mit viel Mühe können wir ein "" eingeben, das uns detaillierte Informationen über den eingebauten Prozessor liefert. So soll man mit dem Handy interagieren? Natürlich nicht, aber jetzt beginnt der komplizierte Teil: das Aufrüsten des Freerunner mit Softwaremodulen, die man unter anderem von der herunterladen kann.
Die Verbindung zwischen dem Handy am USB-Port und dem Betriebssystem geschieht über das Protokoll SSH. Mit ihm lassen sich sichere Verbindungen zwischen zwei Rechnern herstellen und die Konsole eines entfernten Computers auf dem eigenen Bildschirm darstellen. Zunächst ist aber erforderlich, dass man eine TCP/IP-Verbindungsmöglichkeit für den USB-Port schafft. Dafür reicht in der Regel der Befehl "" auf der Kommandozeile des PC. Sollte das nicht funktionieren, dann fehlen wahrscheinlich die notwendigen Kernel-Module "" und "" fürs USB-Networking. Anschließend gibt man für die SSH-Verbindung den Befehl "" ein und beantwortet die Frage nach dem Passwort mit einem Druck auf die Return-Taste. Jede Taste, die man ab jetzt drückt, drückt man gewissermaßen auf dem Freerunner.
Bezugsquelle: [url]www.pulster.de[/url] - Preis 249 EUR (Stand 01/2009)
Hallo, ich habe meinen Freerunner jetzt schon seit der ersten Lieferung, und bin voll und ganz zufrieden damit. Obwohl ich eigentlich auch nur ein Windows User bin! Flashen kann man mit Live Cds und mit dem Windows Treiber ist eine Kommunikation über SSH und SCP kein Problem!
man muss nicht unbedingt linux installieren um mit dem freerunner zu kommunizieren. es gibt einen treiber für windows und auch einen für osx mit dem man von diesen systemen per ssh und usb kabel auf das openmoko teil kommt. spätestens dort sollte man aber wieder seine linux - kenntnisse ausgraben.
der bildschirm von dem telefon is einer der schönsten (weil hochauflösend) die ich auf einem handy je gesehen habe, einzig der software merkt man den beta-status noch an, weil es doch da oder dort hakt und man das ding öfter mal neu startet...
Vielen Dank für den guten Überblick. Sieht nach einem wirklich spannenden und guten (weil offenen) Projekt aus... Dann werd ich mir wohl mal einen freerunner bestellen.
ich bin Mathematiker und sehe das genauso (@Anonymous #3) :) Aber ehrlich gesagt - so wie ich die Auswahl bei OpenMoko kennengelernt habe, ist da noch ganz viel Entwicklungsbedarf.
Ihr könnt Euch übrigens auch anmelden, wenn Ihr hier einen richtigen Namen braucht :)
| Datum | Thema |
|---|---|
| 11.01. | Handyhersteller Openmoko zieht traurige Zwischenbilanz |
| 11.01. | Android läuft auf dem Neo Freerunner von OpenMoko |
Anonymous#3 hat völlig Recht.
Im Gegensatz zu Android verschickt dieses Smartphone nicht automatisch SMS oder überträgt wie das iPhone Screenshoots zu seinem Hersteller. Das Linux, was drauf ist, ist immernoch stabieler, wie XP oder Vista.