Turbulent ging es 2011 zu: Tablets erreichten den Massenmarkt und Smartphones lösen herkömmliche Handys immer mehr ab. Es war ein Hauen und Stechen unter den Handy-Herstellern, mit neuen Gewinnern und großen Namen unter den Verlierern. Plattformen verdorrten, während andere erblühten und manchen Geräte-Hersteller zum Systemwechsel veranlassten. Mit dem Tod von Steve Jobs ging der Branche ihre charismatischste Figur verloren. Und Mobilfunkkunden wurden sich endlich einmal ihrer Macht bewusst und straften Anbieter für lange vernachlässigte Investitionen bzw. schlechten Service ab. Ein Rückblick auf die wichtigsten Ereignisse des Mobile-Tech-Jahres 2011.
Persönlich am meisten verblüfft hat mich im ablaufenden Jahr das kurze Wirken von Léo Apotheker bei HP: Da wechselt Ende 2010 der frühere Chef des Software-Entwicklers SAP an die Spitze des Hardware-Herstellers und stoppt nach ein paar Monaten getreu dem Motto "Software ist alles, Hardware ist out" kurzerhand die Produktion von Smartphones und Tablets für das Betriebssystem WebOS. Selbst die PC-Sparte will er verkaufen. Elf Monate später und um eine Abfindung in Höhe von knapp 13 Millionen Dollar reicher ist Apotheker nicht mehr Chef von HP und seine Nachfolgerin Meg Whitman darf die Scherben aufsammeln. Für das von Palm (2010 von HP für 1,2 Milliarden Dollar übernommen) entwickelte und seit einem Jahr brach liegende Betriebssystem für Smartphones und Tablets findet sie keinen Käufer und versucht daher jetzt, aus der Not eine Tugend zu machen: WebOS soll "großzügig" der Open-Source-Gemeinde gespendet werden.
Diejenigen Nutzer, die im Abverkauf der noch vorrätigen WebOS-Smartphones und -Tablets wie dem HP Veer und HP Touchpad eines der Schnäppchen ergattern konnten, hoffen jetzt darauf, dass HP die Plattform schon bald als Open Source freigibt oder dass System-Hacker funktionstüchtige Android-Spielarten für die WebOS-Geräte bereitstellen. Sollten die Wiederbelebungsversuche für WebOS scheitern, können sich die Käufer der bislang letzten HP-Geräte zumindest damit trösten, keine allzu großen Beträge für ein Nischenprodukt ausgegeben zu haben. Ob es künftig neue Tablets von HP geben wird, ist nicht ausgeschlossen. Vom Smartphone-Geschäft hat sich das Unternehmen dagegen eigenen Angaben zufolge ganz verabschiedet.
Eine ungewisse Zukunft blüht auch der Nokia-Plattform Meego. Die gemeinsam mit Intel entwickelte Linux-Distribution sieht Nokia - wenn man die wenig konkreten Aussagen interpretiert - als Experimentierfeld an. Das bislang einzige Meego-Smartphone hat Nokia auch nur in ausgewählten Ländern gelauncht, und zwar überall dort, wo es seinem ersten und mit dem N9 baugleichen Windows Phone Lumia 800 nicht in die Quere kommt. Deutschland war nicht darunter, als das Nokia N9 im Oktober seinen Marktstart erlebte. Dabei spielt das Gerät durchaus in der Smartphone-Oberklasse mit, wie der Areamobile-Test des Nokia N9 zeigt.
Dafür feierte Nokia mit einem Event in Berlin den Launch seines ersten Windows Phones in Deutschland nach. Mittelfristig setzt Nokia ganz auf Windows Phone 7 und lässt seine angestammte Plattform Symbian in den kommenden Jahren wohl auslaufen bzw. in Schwellenländern noch eine Rolle spielen. Der ganz große Kracher, der von manchen im Vorfeld erwartet wurde, ist das Lumia 800 nicht, wie der Testbericht von Areamobile zeigt. Aber anscheinend verkauft sich das Smartphone mit Windows Phone 7.5 Mango und außergewöhnlichem Design zumindest in einigen Ländern ganz ordentlich. Im Januar 2012 folgt dann mit dem Lumia 710 das zweite, preisgünstigere Windows Phone von Nokia.
Von einem Erfolg der Windows Phones von Nokia würde auch Microsoft profitieren. Der Softwareriese hatte im vergangenen Jahr den Wechsel von Windows Mobile zu Windows Phone 7 vollzogen. Die Geräte mit dem Microsoft-Betriebssystem sind ähnlich einfach zu bedienen wie das iPhone von Apple und die Zahl der im Marketplace erhältlichen Zusatzanwendungen für Windows Phones hat gerade die Marke von 50.000 überschritten. Dennoch hat sich diese Entwicklung noch nicht in nennenswerten Anteilen am weltweiten Smartphone-Markt niedergeschlagen.
Interessante Personalie am Rande: Der jetzige Nokia-Chef Stephen Elop ist ein ehemaliger Microsoft-Manager. Kritiker unkten nach seiner Amtsübernahme, Elops Strategieschwenk werde keine Früchte tragen oder eine Übernahme von Nokia durch Microsoft ermöglichen - entsprechende Gerüchte kursieren bis heute.
Mit Steve Jobs ist dagegen in diesem Jahr eine viel charismatischere Figur der Branche verstorben. Der Mitgründer und frühere CEO war für den Apple-Konzerns wohl vor allem durch seine strikte Ablehnung alles Mediokren wertvoll. Sein Nachfolger Tim Cook, der damit rechnen muss, von der Presse weitaus kritischer als die Gallions- und Kultfigur Jobs angefasst zu werden, führt jetzt sein Vermächtnis fort - inklusive des "Kriegs" gegen die Vertreter aus dem Android-Lager, die nach Ansicht von Apple Produkte wie das iPhone oder das iPad kopieren.
2011 uferten die Patentstreitigkeiten richtiggehend aus, in wohl über 100 Fällen streiten Apple, Samsung, HTC, Motorola und andere Patentrechtehalter vor Gericht. Dabei gab es vor allem in Deutschland Aufsehen erregende Urteile: beispielsweise wurde vorübergehend das Samsung-Tablet Galaxy Tab 10.1 vom weiteren Verkauf in Deutschland ausgeschlossen. Außerdem können hierzulande Motorola gegen den Verkauf des iPhone und der Patentrechteverwalter IPCom gegen den Verkauf von HTC-Handys vorgehen. Patentrechtsexperten sind der Ansicht, dass Apple den eingeschlagenen Weg nicht zu Ende gehen wird, sondern früher oder später eine einvernehmliche Lösung mit den Gegnern suchen und dann Lizenzgebühren für seine Patente kassieren wird. Künftig wird mit LG ein weiterer Vertreter mehr Einfluss auf das Geschehen nehmen - die Koreaner besitzen eigenen Angaben zufolge die meisten Patente im LTE-Bereich und wollen diesen Wert auch nutzen.
LTE ist aller Wahrscheinlichkeit auch die Antwort auf die Frage, warum Apple in diesem Jahr nicht das iPhone 5, sondern lediglich das iPhone 4S, das sich nur durch den sprachgesteuerten Assistenten Siri vom iPhone 4 unterscheidet, mit der neuen Betriebssystemversion iOS 5 und neuen Diensten wie iCloud und iMessage in den Handel gebracht hat. Das zumindest in der englischsprachigen Variante gut funktionierende Siri-Feature zeigt aber, wohin der Weg führen wird. Das nächste iPhone wird den Mobilfunkstandard der vierten Generation unterstützen, bislang erhältliche LTE-Chips würden aber Apple aber zu zu großen Kompromissen zwingen, wird kolportiert.
Mit dem von Samsung gebauten und unter der neuen Android-Version 4.0 Ice Cream Sandwich laufenden Galaxy Nexus hat Google gegen Ende des Jahres sein aktuelles Referenzmodell in den Handel gebracht, das zunächst mit viel Vorschusslorbeeren bedacht wurde, dann aber durch Verzögerungen beim deutschen Marktstart und einen Lautstärke-Bug in die Schlagzeilen geriet. Ob allerdings auch das vierte Android-Vorzeige-Handy von Samsung gefertigt werden wird, ist fraglich, schließlich hat sich Google in diesem Jahr mit Motorola selbst einen Handy-Hersteller einverleibt.
Samsung gelang mit dem iPhone-Rivalen Galaxy S2 und dem 5,3 Zoll großen Galaxy Note zwei weitere Ausrufezeichen in diesem Jahr. Mit drei Platzeriungen unter den Top-5-Smartphones sind die Südkoreaner der Hersteller des Jahres 2011. Im dritten Quartal 2011 konnte Samsung auch die Marktführerschaft bei Smartphones übernehmen, die zuvor Apple inne hatte. Das Google-Betriebssystem Android hat Apples iOS sowieso schon von der Spitze verdrängt. LG sicherte sich dagegen einen Platz in den Geschichtsbüchern als derjenige Hersteller, der in diesem Jahr mit dem Optimus Speed das erste Dual-Core-Smartphone und mit dem Optimus 3D das erste 3D-Smartphone auf den Markt brachte.
Im Tablet-Bereich ist das im März gelaunchte iPad 2 von Apple das Maß aller Dinge. Weder das erste Honeycomb-Tablet Motorola Xoom oder die vielen anderen Android-Tablets können dem iPad 2 bei den Verkaufszahlen das Wasser reichen. Neben HP gibt es viele weitere Verlierer im Tablet-Bereich: Das Blackberry Playbook floppte, vom HTC Flyer spricht niemand mehr, und das Grid 10 mit eigenem Betriebssystem und inovativer Bedienoberfläche, das Hersteller Fusion Garage in einer plump inszenierten Presseschau vorstellte, wird wohl gar nicht in den Handel kommen. Neben dem Galaxy Tab 10.1N von Samsung und dem vielversprechend erscheinenden Asus Eee Pad Transformer Prime kann in der nahen Zukunft wohl nur das - in Deutschland nicht erhältliche - günstige Amazon-Tablet Kindle Fire dem iPad Marktanteile abjagen.
Persönlich gefreut habe ich mich über die Aktion "Wir sind Einzelfall", mit der die Kunden des Mobilfunkbetreiber Telefónica Germany (O2) zumindest so weit unter Druck gesetzt haben, dass das Unternehmen einen raschen Netzausbau versprach. Nicht weil es gegen O2 geht, sondern weil dieser Fall zeigt, dass Verbraucher gemneinsam durchaus Macht besitzen und schlechten Service nicht einfach hinnehmen müssen. Der auch auf dem Heimatmarkt Spanien schwächelnde Mobilfunkbetreiber konnte oder wollte sich offenbar keinen ausreichenden Netzausbau leisten. Die unternommenen Bemühungen wurden jedenfalls dem durch den Smartphone- und Tablet-Boom ausgelösten zunehmenden Datenverkehr nicht gerecht. Die Folge: Selbst in Großstädten mussten sich O2-Kunden mit Netzproblemen bei mobilen Datendiensten herumärgern. Bleibt zu hoffen, dass Telefónica Germany hier schnell für Besserung sorgt.
Das Team von Areamobile bedankt sich bei seinen Lesern für das Interesse, die Teilnahme und die vielen Anregungen und wünscht Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr sowie ein gesundes und erfolgreiches 2012! Wir freuen uns auf ein weiteres spannendes Mobile-Computing-Jahr.
Lest auch unseren Ausblick auf das Smartphone-Jahr 2012!
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