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Lieber Touchscreen: Die Tastatur auf dem Smartphone stirbt aus

Mit der Vorstellung von Blackberry OS 10 versucht Smartphone-Pionier RIM, sich vor dem drohenden Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu retten. Das Unternehmen trennt sich dafür von einem symbolträchtigen Bestandteil der Firmenphilosophie: der Tastatur. Eine Erklärung.

Ein Telefon mit richtigen Tasten? In zehn Jahren werden viele gar nicht mehr wissen, dass es so etwas einmal gab. Mit dem iPhone hat Apple nicht nur das Smartphone neu erfunden, sondern auch einen Kulturwandel eingeleitet: Unsere Vorstellung von einem Telefon wird gerade neu geformt. Während die ältere Generation damit noch einen Barren mit Display und Tasten verbindet, sieht die nachfolgende nur noch ein smartes Flachbrett ohne sichtbare äußere Merkmale. Alle Tasten werden über den Touchscreen virtualisiert und passen Anzahl und Funktion dem jeweiligen Kontext an: Vor- und Zurückspringen im Musikplayer, der komplette Tastenblock im Telefonmenü.

Die damit verbundenen Vorteile sind so offensichtlich, dass die physische Tastatur dagegen keine Chance haben kann. Sie wird im Consumer-Bereich verschwinden, erst aus den Telefonen, dann aus den Fernseher-Fernbedienungen, dann aus den Computern und irgendwann auch aus dem kulturellen Gedächtnis. Ein Computer mit einer richtigen Tastatur? In 30 Jahren garantiert Legende.

Keine neuen Android-Smartphones mit Touchscreen

HTC Desire Z / Foto: Hersteller

Desire Z: Das letzte Tastatur-Smartphone von HTC. / (c) Hersteller

Doch zurück zu den Telefonen. Die Hersteller haben sich lange dagegen gewehrt und noch einige Zeit Geräte in den Handel gebracht, die Tastatur und Touchscreen kombinierten. Das Argument "mit einer echten Tastatur schreibt man viel schneller als auf einem Touchscreen" kam aber nicht nicht bei den Kunden an. Obwohl keine konkreten Zahlen bekannt sind, kann man davon ausgehen, dass sich sich HTC Desire Z (Dezember 2010), Motorola Milestone 2 (November 2010) und Sony Ericsson Xperia Pro (Juni 2011) nicht besonders gut verkauft haben.

Bei allen genannten Smartphones handelt es sich um die letzten Modelle des jeweiligen Herstellers mit physischer Tastatur für den deutschen Markt (vom Nischengerät Motorola Pro+ einmal abgesehen). Danach kam nichts mehr. Samsung hatte im vergangenen Jahr noch mit dem Galaxy Y Pro ein Tastatur-Smartphone für das Einsteiger-Sehment herausgebracht, setzt ansonsten jedoch ganz stark auf Touchscreen-Geräte. Auch Nokia setzt bei seinem Neustart voll auf den Touchscreen – zumindest sind keine Pläne über Windows Phones mit Tastatur bekannt.

Von der höheren Nachfrage einmal abgesehen hat das tastaturlose Smartphone für die Hersteller weitere Vorteile. Durch den Verzicht auf mechanische Teile können sie das Gehäuse flacher und vor allem stabiler konstruieren – die Unibody-Fertigung eines Lumia 800 oder HTC One X lässt sich nur ohne Tastatur realisieren. Weniger bewegliche Teile bedeuten außerdem: weniger Verschleiß. Wo keine Taste oder Slidermechanik ist, da kann auch weniger kaputt gehen.

RIM hält noch an Blackberry-Tastatur fest

Intuitiver, stabiler, höhere Nachfrage: Der Touchscreen hat auf ganzer Linie gewonnen. Gerade hat er sogar in einer letzten Schlacht seinen erbittertsten Gegner besiegt: Blackberry-Erfinder RIM ist ja nicht nur für seinen Push-E-Mail-Dienst bekannt, sondern auch für die Realisierung anwenderfreundlicher Tastaturen auf kleinstem Raum. Ein Blackberry ist der Inbegriff eines Tastatur-Smartphones.

Das Unternehmen hat sich lange gegen den Trend gewehrt, hat mit dem Knackfrosch-Touchscreen des Blackberry Storm neue Konzepte ausprobiert und am Ende viele Modelle herausgebracht, die einen kleinen Touchscreen mit einer kleinen Tastatur kombinieren (z.B. Blackberry Bold 9790). Bei genauer Betrachtung dieses halbherzigen Kompromisses wird deutlich: Man braucht nur eines von beiden. Die RIM-Entwickler scheinen dies nicht erkannt zu haben.

Blackberry OS 10 (c) RIM

Die neu Tastatur von Blackberry OS 10 (c) RIM

Das Ergebnis dieses Herumlavierens soll hier gar nicht weiter thematisiert werden. Nur soviel: RIM wird mittlerweile in einem Atemzug mit Nokia genannt. Mit Samsung und Apple stehen dagegen jene Unternehmen auf der Gewinnerseite, die schon seit Jahren kompromisslos auf die Touchscreen-Bedienung setzen.

Kurz vor dem Abgrund versucht jetzt auch der Blackberry-Hersteller die Kehrtwende. Auf der Hausmesse Blackberry World in Orlando stellte das Unternehmen eine neuartige virtuelle Tastatur vor, die lernfähig ist und dem Nutzer bereits nach der Eingabe weniger Buchstaben Wörter vorschlägt, die mit einer Wischbewegung in das Textfeld geschoben werden können. Und der neue Entwickler-Blackberry Dev Alpha verzichtet komplett auf eine Tastatur.

Er ist der Prototyp einer neuen Generation von Touchberrys, die nicht mehr viel mit dem Original gemeinsam haben. RIM hat in Orlando erklärt, auch weiterhin Geräte mit physischer Tastatur zu bauen -  es wird interessant zu sehen sein, wie gut sich die neuen Blackberry-Smartphones mit der Kombination aus Tastatur und Touchscreen verkaufen werden. Hält RIM weiter an der echten Tastatur fest, könnte es durchaus passieren, dass RIM zusammen mit der Handy-Tastatur in die Geschichtsbücher wandert. Der eine geht, weil ihn der technische Fortschritt dazu zwingt, der andere geht, weil er den Trend zu lange ignoriert hat.

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Kommentare
  1. 31.01.13 18:19 IchBinNichtAreamobile.de (Handy Profi)
    Swype vs HW-Tastatur

    Ich sehe spätestens seit Swype keinen Sinn mehr darin eine HW-Tastatur zu nutzen. Insbesondere keine QWERTZ-Tastatur. Die einzige ernsthafte Konkurrenz wäre T9, aber die ist bei Weitem nicht so präzise, dafür kann man aber blind tippen, was mit Swype nur bedingt möglich ist.

    Größter Vorteil einer Wischtastatur ist einfach, dass man einhändig schreiben kann mit einer verflucht guten Präzision. Ich persönlich hab das Wörterbuch sonst aus und wenn ich einfach nur so tippe, dann korrigiert er auch nichts (macht aber Vorschläge). Insofern bin ich auf Autocorrect nicht angewiesen.

    Die Präzision einer HW-Tastatur mag zwar unschlagbar sein, die Schnelligkeit ist es aber nicht. Und man kann Swype immer einhändig nutzen.

    Swype steht hier allgemein für Wischtastaturen, denn tatsächlich ist Swype mitlerweile unbenutzbar, leider. Das Tastaturlayout ist nicht anpassbar und so ändert sich jedes mal das Layout wenn man von Englisch auf Deutsch switcht. Schade, denn die Idee per Wischgeste auf der Tastatur zu kopieren, markieren und einzufügen find ich wirklich genial.

  2. 08.08.12 15:19 chrisrohde (Handy Profi)

    Samsung hat mit dem Galaxy Chat im Juli auch ein Gerät mit Tastatur vorgestellt
    http://www.areamobile.de/news/21881-samsung-galaxy-chat-smartphone-mit-volltastatur-und-nature-ux-oberflaeche

    und das Sony Ericsson Xperia mini pro ist bei amazon auf Platz 20 (Bestseller in Handys & Smartphones ohne Vertrag)

  3. 07.05.12 13:15 Laborant (Advanced Handy Profi)

    Zugegeben hätt ich auch lieber ein N950 anstelle eines N9... *räusper* Die HW-Tastatur wär schon was feines. Wobei das N950 natürlich kein Design-Schmuckstück ist...

    Aber man kann nicht alles haben ;)

  4. 07.05.12 12:45 nohtz (Advanced Handy Master)

    das E7 ist 14mm dick, da ginge sicher noch was.
    der slider ist bombe, da wackelt nix. wohl aus metall,(wie der rest des gehäuses), aber das wiegt eben, genau wie die HW-tasten auch.
    insgesamt 180g (ähnlich wie das desireZ und das 7pro)
    dem einen isses zu schwer, mir persönlich ist das kein nachteil. es liegt gut in der hand, und passt auch wunderbar in die hosentasche, ohne dass man hosenträger bräuchte :-)

    dass man ansprechende geräte bauen KANN, wenn man denn WILL, ist also kein geheimnis

  5. 07.05.12 12:35 TheHunter (Professional Handy Master)

    Ich hatte letztes Jahr das Xperia Pro und die Tastatur war wirklich erste Sahne. Das Gerät an sich war okay, aber leider nervte irgendwann der Schiebe-Mechanismus doch ziemlich.
    Ich würde aktuell schon den Markt für ein Gerät mit 1,5Ghz DC mit 1GB Ram um ICS sehen, sofern es nicht über 4 Zoll Displaygröße hat, mehr als150g wiegt und dicker als 12mm ist. Das Xperia Pro war gefühlt kaum dicker als ein Xperia Neo und lag erstaunlich gut in der Hand. Der Schiebe-Mechanismus war aber wirklich für'n A****. An dieser Stelle würde ich mir etwas wie damals vom Nokia N97 wünschen. Die Konstruktion war damals wirklich top, klapperte nix, leierte nicht aus und hielt bombenfest, wenn es zugeklappt war, was man z.b. vom Desire Z nicht sagen konnte. Letzteres hatte im übrigen keine veraltete Hardware, sondern war bis auf den gedrosselten Prozessor(wegen Akku auf 800mhz reduziert) genau so ausgestattet wie das normale Desire, das 3 Monate vorher erschien.

    EDIT: Cooler Fehler übrigens in der zwischen-Überschrift:

    "Keine neuen Android-Smartphones mit Touchscreen"

  6. 07.05.12 12:15 hammerhai7 (Member)

    Trage mich auch in die "Pro-Hardwaretastatur-Gruppe" ein.
    Hab mir nach über drei Jahren, teilweise recht guten, reinen Touchscreentelefonen(iPhone, Desire S, Omnia7) wieder ein Hardwaretastentelefon gekauft. Ein Grund waren ärgerliche Fehleingaben und auch noch ärgerlicher Aussetzer der virtuellen Tastatur. Fand es auch immer schwierig den "Cursor" zur Korrektur zum Fehler zu bewegen.

    Die Auswahl an den HWT-Telefonen ist leider wirklich wenig berrauschend und von der reinen Leistungsfähigkeit sogar nüchtern betrachtet ein Abstieg.
    Da die größeren Slider(Desire Z, Milestone, etc.) mir doch zu klobig und schwer waren, wollte ich lieber ein Barrentelefon im Blackberrystil. Das 9900 oder das 9790 waren auch meine Favoriten, insbesondere durch die traumhafte Tastatur. Allerdings missfiel mir die unabdingbare Blackberry-Option mit zusätzlichen Kosten.
    In meinen Augen erhalte ich dadurch keinerlei Vorteile, meine "normale" Internetflat sollte reichen und alles abdecken.
    Daher blieben nur noch das Motorola bzw. Samsung Pro und das HTC Chacha. Das letztgenannte ist es dann geworden, gute Tastatur(leider nicht ganz so perfekt wie bei BB, dafür aber sogar mit Cursorpfeilen), kleiner zusätzlicher Touchscreen, kleines stabiles Gehäuse mit Metallelementen(keine perfekten Spaltmaße, aber top für den Preis) und vor allem kann ich mittlerweile schon fast blind tippen! Ebenso halten sich Tippfehler in Grenzen, behaupte mal dass über 95% meiner Eingaben richtig sind.
    Das erspart Zeit und auch ein wenig Frust, daher haben für mich diese Telefone durchaus eine Daseinsberechtigung und Zukunft!
    Umso enttäuschender dass viele Firmen diese Geräte nicht weiterentwickeln(HTC), schlecht vermarkten oder sich sogar davon abkehren.

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