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Interview mit Greenpeace: "Gibt es das 'grüne' Handy?"

Mobiltelefone sind für viele Nutzer unverzichtbar geworden. Doch bei der Produktion von Handys und Smartphones gibt es noch viel Verbesserungsbedarf, vor allem bei Nachhaltigkeit, menschenwürdigen Arbeitsbedingungen in den Fertigungshallen und bei der Rohstoff-Gewinnung sowie beim Schutz der Umwelt. Den Schlüssel zu fairer und nachhaltiger hergestellten Handys halten Nutzer in den Händen, sagt Elektronik-Expertin Claudia Sprinz von Greenpeace im Interview mit Areamobile. Ansonsten zahlen andere den Preis für das schöne neue Handy.

"Frau Sprinz, was ist 'Nachhaltigkeit' eigentlich?"

"Der Begriff ist ja schon relativ alt und betraf ursprünglich die Waldnutzung. Es sollten nicht mehr Ressourcen verbraucht werden als natürlich nachwachsen können.

Claudia Sprinz, Elektro-Expertin von Greenpeace (c) Greenpeace

Claudia Sprinz, Elektro-Expertin von Greenpeace (c) Greenpeace

Aus meiner Sicht ist Nachhaltigkeit heute viel breiter zu sehen und beginnt beim Abbau der Rohstoffe, der Verarbeitung und Produktion, der Verwendung und dann dem Recycling bzw. der Wiederverwendung der Bestandteile. Es sollte so erfolgen, dass Rohstoffe möglichst umweltschonend abgebaut und effizient genutzt werden, sodas diese einfach wiederverwertet werden können. Auf den Bezug von Rohstoffen aus Krisengebietet sollte optimalerweise verzichtet werden. Zudem sollte der Anteil an recycelten Materialien möglichst hoch sein, die Verwendung bzw. Verarbeitung von Giftstoffen ausgeschlossen sein und in allen Ländern, wo solche Produkte verkauft werden, Rücknahmeprogramme angeboten werden. Überdies sollte sichergestellt sein, dass die an Rohstoffabbau-, Produktions- und Recyclingprozessen beteiligten Menschen zu fairen Arbeitsbedingungen und fairen Löhnen beschäftigt werden - Kinderarbeit sollte ausgeschlossen sein.

Aber auch der Verbraucher bzw. die Verbraucherin trägt Verantwortung. Diese sollten nur dann etwas kaufen, was sie tatsächlich benötigen, sollten das, was sie kaufen, möglichst lange und möglichst umweltschonend (z. B. energiesparend) verwenden und hinterher ordnungsgemäß zu entsorgen. Bei bestimmten Produkten ist es auch sinnvoll, diese gar nicht erst zu kaufen (z. B. elektrisch betriebenen Dosenöffner) oder sie nur zu mieten (z. B. bestimmte selten genutzte Werkzeuge wie Parkettschleifmaschine oder Fliesenschneider) bzw. gemeinsam mit anderen zu teilen (z. B. Vertikutierer, Rasenmäher)."

"Welche Umweltschäden verursacht die Handy-Produktion?"

"Viele Rohstoffe, die in Handys verarbeitet werden, stammen aus nicht erneuerbaren Quellen. Der Abbau dieser Materialien führt in den jeweiligen Ländern häufig zu beträchtlichen Belastungen für Mensch und Natur. Häufig werden intakte Ökosysteme unwiederbringlich zerstört. Daher wäre es wichtig, dass Geräte von vorn herein so designt sind, dass möglichst viele Bestandteile wiederverwertet werden und in neue Handys eingebaut werden können. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn diese Geräte in Ländern recycelt werden, wo es auch das entsprechende Know-How dafür gibt. Diese nach Afrika oder Asien zu exportieren, ist daher keine Lösung, denn dadurch gehen viele wertvolle Substanzen verloren.

Auch wenn einige Handy-Hersteller mittlerweile auf manche problematischen Chemikalien verzichten, gibt es immer noch genügend ältere Geräte in Umlauf als auch Neuprodukte, die sowohl bei der Produktion als auch bei der Entsorgung negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit als auch auf die Umwelt haben können.

Nicht nur die Produktion dieser Geräte benötigt sehr viel Energie, sondern auch der laufende Betrieb. Einerseits für die Nutzer und Nutzerinnen selbst als auch für die vielen Dienste, die über die immer größer werdende Zahl an Smartphones genutzt werden, wie beispielsweise soziale Netzwerke oder andere virtuell nutzbare Dienste, die zu stetig steigendem Energieverbrauch von Rechenzentren führen. Die dafür genutzte Energie sollte möglichst aus Erneuerbaren Energieträgern und nicht aus Atom- oder Kohlestrom stammen."

"Welche gesellschaftlichen Missstände gibt es bei der Handy-Herstellung?"

"Es beginnt mit der Rohstoffgewinnung, wo die örtlichen Bevölkerung vertrieben oder deren Lebensraum zerstört wird oder durch die Rohstoffgewinnung Kriege finanziert werden, der Abbau der Rohstoffe unter menschenunwürdigen Bedingungen erfolgt oder Kinder arbeiten müssen. In den Fabriken, wo die Rohstoffe verarbeitet oder Komponenten gebaut oder die Geräte montiert werden, herrschen selten faire Arbeitsbedigungen oder werden faire Löhne bezahlt. Einen guten Einblick gibt eine Untersuchung von Südwind."

"Welche Hersteller haben mehr bzw. weniger Nachholfbedarf bei Nachhaltigkeit?"

"Der im November 2012 veröffentlichte Ratgeber "Grüne Elektronik" zeigt die ökologische Performance verschiedener weltweit führender Handy-, Computer- und TV-Geräte-Hersteller, jedoch nicht in Hinblick auf Arbeitsbedingungen, da Greenpeace sich als Umweltschutzorganisation vorrangig mit der Elektronikbranche aus ökologischem Gesichtspunkt beschäftigt. Im Rahmen unseres Online-Einkaufsratgebers www.marktcheck.at, den Greenpeace gemeinsam mit anderen Organisationen in Österreich seit 2004 betreibt, versuchen wir möglichst viele Aspekte der Elektronikproduktion abzudecken."

"Welche Entwicklungen würden Sie sich im Handy- und Mobilfunkbereich wünschen?"

"Es gibt einerseits positive Entwicklungen, da viele Hersteller mittlerweile auf problematische Chemikalien verzichten, energieeffizientere Geräte herstellen und verstärkt Rücknamesysteme auch in südlichen Ländern angeboten werden. Andererseits werden immer häufiger Handy-Akkus fix verbaut, was einen unkomplizierten Tausch durch die Verbraucher und Verbraucherinnen unmöglich macht: Häufig wird dann nicht der Akku getauscht, sondern ein Neugerät angeschafft wird, was dazu führt, dass die Elektroschrott-Berge rapid weiterwachsen.

Viel zu wenig bekannt ist leider, dass die in gutem Glauben als "Entwicklungshilfe" exportierten Handys nach ihrer Nutzung als Elektroschrott die Gesundheit der Menschen vor in Afrika oder Asien als auch die dortige Umwelt belasten. Die verarbeiteten, oft sehr wertvollen, Rohstoffe können sehr häufig mangels fehlendem Know-How nicht fachgerecht recycelt werden und landen irgendwo, wo die enthaltenen Giftstoffe im Grundwasser oder in Flüssen und Meeren landen und über die Fische wieder in der Nahrungskette und werden möglicherweise dann auch nach Europa importiert. So gelangen die Giftstoffe dann über den Fisch eventuell auf unsere Teller. Oder die Alt-Handys oder deren Bestandteile werden verbrannt und die wertvollen Rohstoffe gehen für immer verloren.

Elektroschrott ist ohnehin die am schnellsten wachsende Müllfraktion und solche Entwicklungen können nur durch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen eingebremst werden. Zudem sollten die Hersteller zur weltweiten Wiederverwertung ihrer Geräte verpflichtet werden, was den Export von Elektroschrott nach Afrika und Asien eindämmen würde."

"Kann es ein 'grünes Handy' überhaupt geben?"

"Die Entwicklung eines möglichst umweltschonenden und fairen Handys ist grundsätzlich eine wünschenswerte Entwicklung. Doch es nimmt uns nicht die Verantwortung ab, diese Geräte möglichst lange und möglichst verantwortungsvoll zu verwenden. So kann man beispielsweise durch Tauschen des Akkus die Nutzungsdauer verlängern. In der täglichen Nutzung kann man Energie sparen, indem man tagsüber die nicht benötigte Dienste abschaltet (z. B. Internet oder GPS) und das Handy über Nacht ausschaltet. Wer ein Smartphone hat, kann sich Apps installieren, die signalisieren sobald der Akku vollständig aufgeladen ist, und damit unnötigen Stromverbrauch vermeiden."

"Wie können sich Verbraucher einfach über nachhaltiger hergestellte Handys informieren?"

"Einerseits kann man sich auf der Website des jeweiligen Herstellers informieren, auf welche Chemikalien verzichtet wird, wie viel Strom ein Gerät verbraucht, ob und wie hoch der Anteil recycelter Materialien ist. Einen Greenpeace-Handy-Produktratgeber gibt es zurzeit leider nicht, aber ich empfehle den Konsumenten und Konsumentinnen sich auf den marktcheck.at-Elektronik-Seiten über verantwortungsvolle Nutzung von Handys und anderen Elektronikprodukten zu informieren. Dort ist auch immer die letzte Version unseres Ratgebers "Grüne Elektronik" zu finden, der einen Überblick über die Öko-Performance verschiedener Elektronikhersteller, darunter zahlreiche Handy-Hersteller, bietet."

Dossier Handy und Umwelt

Themen: Smartphone, Smartphones, Smartphone-Markt, Tablet-Markt
Quelle: Greenpeace / Areamobile
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Kommentare
  1. 04.02.13 17:36 IchBinNichtAreamobile.de (Advanced Handy Master)

    @Der Kewle:"Die deutsche Sprache kreierte solche Worte nicht ohne Grund. Die Gier geht immer einher mit Maßlosigkeit. Maßlosigkeit ist eher keine der Grundeigenschaften der Wissenschaft. "
    >>In vielen anderen Sprachen (wie auch Englisch) funktioniert das auch nicht. :)

    @pf:"Danke pf. Dein Post erspart mir den Thread zu lesen :)" (Zitat: Der Kewle)
    >>Jap, danke pf. Ich dachte schon ich steh hier allein auf weiter Flur :).

  2. 04.02.13 11:46 Der Kewle (Advanced Handy Profi)

    "Ohne Gier ist das Thema Wissenschaft und Technik durch ...und sowas von."

    Ohne Wissbegierde ist das Thema Wissenschaft und Technik durch... und sowas von.
    /fixed


    Die deutsche Sprache kreierte solche Worte nicht ohne Grund. Die Gier geht immer einher mit Maßlosigkeit. Maßlosigkeit ist eher keine der Grundeigenschaften der Wissenschaft.

  3. 04.02.13 10:31 benthepen (Advanced Handy Master)

    PF

    Ich sehe es so, das es ein Mix von beiden ist. Es ist sicherlich auch eine gewisse Gier, die dahinter steckt. Allerdings ist für viele das Wort "Gier" negativ besetzt, was nicht sein muss.
    Man kann ja auch gierig auf ein neues Smartphone sein :-)
    Aber insgesamt ist der Mensch schon gierig, mehr oder weniger. Immer schön zu sehen, wenn man mal Monopoly spielt. Da kommt vieles zu Tage :-)

  4. 04.02.13 10:24 Ariani (Advanced Member)

    haha ich sehs nich mal ein kommentare zu lesen die länger als der artikel selbst sind..

  5. 04.02.13 10:24 Der Kewle (Advanced Handy Profi)

    Danke pf. Dein Post erspart mir den Thread zu lesen :)

  6. 04.02.13 09:09 pixelflicker (GURU)

    Ich finde es schon interessant was hier diskutiert wird, es zeigt sehr schön, weshalb Bocadillo und Fritz immer wieder anecken, denn sie haben einfach ein anderes Bild von der Menschheit. Bei ihnen gehts immer nur ums Geld und das zeigt auch die Diskussion über die Frage ob es Neugierde oder Gier ist, die die Menschen antreibt.

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