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Benjamin Stein: "Google Glass ist ein infames Device"

Inhaltsverzeichnis

Die Taz hat Google Glass mal als "Pillepalle" beschrieben. Pillepalle im Vergleich zu dem UniCom genannten Gadget aus Benjamin Steins Roman "Replay", das sich als Google Glass hoch drei erweist. Areamobile hat mit dem Autor des vor Googles Ankündigung erschienenen Buches über die Datenbrille und die gesellschaftlichen Folgen ihrer Nutzung gesprochen. Schlägereien auf offener Straße sind nicht das einzige, das er erwartet.

AM: Herr Stein, Google verteilt jetzt seine Datenbrille an Entwickler und im nächsten Jahr wird sie wohl auch kommerziell verfügbar sein. Die ersten Reaktionen etlicher Nutzer fallen enthusiastisch aus. Stimmen Sie in die Begeisterung über Google Glass mit ein?

Benjamin Stein: Ich dachte eigentlich, dass ich gespaltene Gefühle haben werde, wenn das Gerät verfügbar wird, aber inzwischen ist meine Meinung sehr eindeutig. Ich halte es für ein infames Device und bin sehr gespannt, wie die Öffentlichkeit reagieren wird, wenn mehr und mehr Leute sich mit diesem Gerät auf den Straßen bewegen.

Benjamin Stein - Replay | (c) Areamobile

Blackberry -> iPhone -> Google Glas -> UniCom: Areamobile im Gespräch mit dem "Replay"-Autor Benjamin Stein über die Folgen der Nutzung von Google Glass | (c) Areamobile

AM: Sie haben das in Ihrem Blog Turmsegler auch schon an dem Projektnamen "Glass" selbst festgemacht. Er bezieht sich nicht nur auf die Brille selbst, sondern auch auf den - gläsernen - Menschen.

Stein: Ja, es ist ein Device, das dazu angelegt ist, unser aller Privatsphäre zu unterminieren. Es zu tragen, verstößt gegen die guten Sitten im Umgang miteinander, wenn man nicht mehr weiß, ob man aufgezeichnet wird in Bild und Ton oder ob ein das Gerät tragender Gegenüber die Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hat oder möglicherweise gerade seine Mails liest und so weiter. Es sind diverse Überschreitungen, die da so ganz nebenbei passieren, an die wir heute gar nicht bis zur letzten Konsequenz denken.

AM: Teilweise liefern sich die Internetnutzer ja auch schon jetzt Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook aus, obwohl sie in deren Systemen bevormundet und gegängelt werden und ihre Daten ausgespäht und kontrolliert werden. Wie kommt das?

Stein: Es gibt zwei wesentliche Unterschiede dabei. Der erste Unterschied ist: Wenn ich mich in sozialen Netzwerken bewege, dann tue ich das bewusst. Ich entscheide mich, online zu sein, sei es mit einem Computer oder mit einem Smartphone. Ich lege mich also selbst an diese elektronische Fessel. Der zweite wesentliche Unterschied ist, dass die Leute in meiner Umgebung durch meine Nutzung der sozialen Netzwerk-Dienste momentan ja noch nicht gezwungen werden, ihre Privatsphäre preiszugeben. Und das wird sich mit "Glass" radikal ändern.

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel, an dem sofort klar wird, worum es eigentlich geht. Ich war vor einigen Jahren mit meinen damals noch kleinen Kindern auf dem Spielplatz und ein Mann lief dort rum und machte von ihnen Fotos. Selbstverständlich habe ich ihn barsch angeredet und ihm gesagt, dass er sich verziehen soll. Künftig werde ich nicht einmal mehr mitbekommen, wenn ich gefilmt werde, wenn meine Kinder gefilmt werden, und das ist eine absolute Grenzüberschreitung.

Benjamin Stein hat das Buch "Replay" vor der Ankündigung von Google Glass geschrieben. In dem 2012 bei C.H. Beck veröffentlichten Roman beschreibt der Autor ein UniCom genanntes Implantat, das in seinen Möglichkeiten und in seiner Wirkung viel weiter geht als Google Glass in seiner bislang bekannten Form. Das von einem Konsortium von Internet-Unternehmen gemeinsam betriebene und kostenlos an Nutzer verteilte UniCom erlaubt es, alle Wahrnehmungen aufnehmen, aufbewahren und später wieder abrufen ("replay") zu können. Die "Realität" kann so allerdings auch manipuliert werden. Die totale Transparenz wird zur Tyrannei, abschalten lässt sich das UniCom, die Überwachung, nicht.

AM: In Ihrem Buch "Replay" ist die Technik ja noch viel weiter …

Stein: Gar nicht so viel! Ich glaube, es ist nur noch ein winziger Schritt. Als ich "Replay" geschrieben habe, bin ich von zehn Jahren ausgegangen - ich fürchte, ich habe das unterschätzt. Es wird viel schneller gehen.

AM: Sie meinen also, wir sind von einem solchen Szenario, wie Sie es in Ihrem Buch schildern, gar nicht so weit entfernt?

Stein: Die gesellschaftlichen Auswirkungen des Ganzen sind natürlich noch zu verhandeln, da muss man abwarten, wie die Öffentlichkeit dann tatsächlich reagiert. Aber von der technischen Seite aus werden wir sicherlich schneller als in zehn Jahren dort sein. Es ist nur noch eine Frage der Miniaturisierung. Ich gehe fest davon aus, dass die Menschen auch vor der Implantation nicht zurückschrecken werden.

Die Gefahr, die ich sehe – und es ist besonders spannend, sich dies vor dem Hintergrund des gerade auf Deutsch erschienenen Buches "Die Vernetzung der Welt" der Google-Manager Eric Schmidt und Jared Cohen anzuschauen -, ist, dass immer mehr beim Staat angesiedelte Macht abwandert zu privaten Unternehmen. Im Bereich der Armeen haben wir uns schon damit abgefunden, dass immer mehr zu Söldner-Firmen ausgelagert wird. Aber auch im Bereich des Sozialen wird immer mehr an Privatunternehmen abgegeben werden, einfach durch die Macht des Faktischen: Sie haben die Hand auf den Daten. Privatunternehmen sind diejenigen, die unsere mehrfachen virtuellen Identitäten zusammenführen und auf den physischen Menschen zurückführen können. Und das ist Herrschaftswissen.

Deswegen halte ich ein Szenario, wie es in "Replay" beschrieben wird, in dem sich Privatwirtschaft und Staatsgewalt miteinander vermischen und niemand mehr daran Anstoß nimmt, für sehr wahrscheinlich. Dass dann eben der leitende Angestellte der United Communications Corporation gleichzeitig auch Minister für Bürgerbeziehungen ist.

AM: Wie kommt es, dass der Staat, dass wir, den Unternehmen das Feld überlassen?

Stein: Der Staat unternimmt ja sehr viel, um seine Macht aus dem physischen Raum auf die virtuelle Welt auszudehnen. Er tut es, indem er die Hand auf die Infrastruktur legt. Das Problem von Staaten, von Demokratien, ist, dass sie zu langsam sind in ihren Entscheidungsprozessen und sie von der Macht des Faktischen, also von der hohen Geschwindigkeit der Entwicklungen in der virtuellen Welt abgehängt werden. Hier liegt die eigentliche Gefahr: Der Motor des Fortschritts sind die Unternehmen. Sie, das Netz, die virtuelle Welt geben das Tempo vor, und es ist sehr gut möglich, dass die Politik, die behäbiger ist, weil sie auf viel komplexeren Wegen Konsensprozesse durchlaufen muss, da nicht Schritt halten kann und ihre Macht nicht so auf die virtuelle Welt ausdehnen kann, wie sie es eigentlich möchte.

AM: Eric Schmidt spricht derzeit viel über die staatliche Kontrolle.

Stein: Das ist Augenwischerei. Im Grunde skizzieren Schmidt und Cohen in ihrem Buch zwischen den Zeilen ihren Vorsprung vor den Staaten bei ihrem Versuch, ihr Machtmonopol auf die virtuelle Welt auszuweiten.

AM: In "Replay" ist das Perfide, dass das UniCom genannte Implantat ein tolles Gerät ist, aus dem die Nutzer unheimlich viel Genuss ziehen und durch dass sie freiwillig in diese Kontrolle und Überwachung reinrutschen. Sie stellen Ihrem Buch ein Zitat des französischen Regierungssprechers Francois Baroin voran: "Ich war immer davon überzeugt, dass eine transparente Gesellschaft auch eine totalitäre Gesellschaft ist". Sind wir auf dem Weg in eine Diktatur?

Stein: Die Gefahr besteht durchaus. Spannend und beängstigend daran ist, dass es sich um eine Zwangsgesellschaft handeln wird, die nicht zu vergleichen ist mit den Zwangsgesellschaften des 20. Jahrhunderts, weil sie paradoxerweise zum großen Teil auf Freiwilligkeit beruhen wird. Es ist aber, wenn man es ganz genau betrachtet, gar nicht so unterschiedlich beispielsweise zum Nationalsozialismus, der auch eine sehr breite Unterstützung gefunden und eine sehr große Begeisterung in der Bevölkerung ausgelöst hat. Der persönliche Nutzen macht Menschen leicht blind für unvermeidbare Begleiterscheinungen einer Entwicklung, die dann nicht mehr spaßig sind.

"Es wird zu einer Radikalisierung kommen. Sie können davon ausgehen, dass Google Glass quasireligiöse Fans hervorbringen wird, die das Gerät so gut wie nie ablegen werden. Sie können aber auch davon ausgehen, dass es wegen Google Glass zu Schlägereien auf der Straße kommen wird."

Es wird zu einer Radikalisierung kommen. Sie können davon ausgehen, dass Google Glass quasireligiöse Fans hervorbringen wird, die das Gerät so gut wie nie ablegen werden. Sie können aber auch davon ausgehen, dass es wegen Google Glass zu Schlägereien auf der Straße kommen wird, weil es Leute geben wird, die sich das schlichtweg nicht gefallen lassen werden, mit diesem Gefühl leben zu müssen, über andere auch selbst permanent auf Sendung zu sein.

Neben der Radikalisierung und der Transparenz kommt noch ein dritter Aspekt hinzu: Es wird kein Vergessen mehr geben. Das interessiert mich natürlich vor einem künstlerischen, einem psychologischen Hintergrund ganz besonders. Das digitale Gedächtnis ist nicht so verwischbar wie unser natürliches Gedächtnis. Wenn alle Verletzungen, die uns im Alltag passieren, wenn alles haltbar bleibt und alles wieder abrufbar ist, wird das alleine schon das Verhältnis der Menschen untereinander beeinflussen.

Und die Frage, ob der Mensch dafür gemacht ist, ohne Privatsphäre auszukommen, ist noch überhaupt nicht geklärt – auch wenn er sie freiwillig preisgibt. Über weite Strecken wird unser Leben einer dörflichen Gemeinschaft gleichen, in der jeder jeden kennt und jeder von jedem alles weiß. Ich möchte in so einer Welt nicht leben. Sie?

Auf der zweiten Seite unseres Interviews mit Benjamin Stein geht es um den Blackberry als "Vorläufer der elektronischen Fußfessel", um die Folgen von Fingerabdruck-Sensoren in Smartphones und um die gefährlichen Folgen von kostenloser Kommunikation.

Themen: iPhone, Google+, Google Glass
Quelle: AM
Google Glass

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Kommentare
  1. 11.05.13 23:42 IchBinNichtAreamobile.de (Advanced Handy Master)

    Diesmal präsentiert AM Ihnen feierlich das Buch: Replay von Benjamin Stein.

  2. 10.05.13 17:44 EcoWin (Advanced Handy Profi)

    Ich denke auch, dass der Gesetzgeber (auch EU) dem Ganzen sehr strenge Regeln auferlegen wird und m. E. auch muss.

    Ich stelle mir gerade die Situation vor, wie ich einem guten Freund/Freundin sagen muss, bitte nimm doch deine Brille ab und steck sie weg, obwohl sie darauf angewiesen ist (auf der einen Seite unhöflich, aber doch irgendwie notwendig).

  3. 10.05.13 15:09 Stefan Schomberg (Leitender Testredakteur)

    @dandroid
    Danke für die Anregung. Ja, Printmedien waren wie von dir richtig beobachtet in diesem Fall der Darstellung Ideengeber, allerdings ist das da auch schöner dargestellt - das wollte unser System nicht. Wir überlegen und was dazu ;)

    mfg

  4. 10.05.13 12:42 dandroid (Member)

    @Redaktion
    Interessanter Artikel !

    Das Einzige, das ich etwas störend beim Lesen dieses Interviews empfinde ist, dass die grau hervorgehobenen Texte im selben Wortlaut gleich darunter oder darüber wiederzufinden sind.

    Ich habe dasselbe bei Printmedien beobachtet, jedoch werden hier prägnante Zitate an strategisch besseren Stellen hervorgehoben.
    Sie vermitteln den Leser einen kleinen inhaltlichen Überblick beim Durchblättern der Zeitschrift.

    Da ich aber bei Onlineartikeln nichts durchblättern muss, sondern mich bewusst entscheide den Artikel zu lesen oder nicht, finde ich es störend den Textpassagen doppelt zu lesen .
    mfG

  5. 10.05.13 11:01 handyhacho (Expert Handy Profi)

    Passend dazu auch diese News:
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Kasino-verbietet-Google-Glass-1859886.html

    Ich denke, es wäre durchaus sinnvoll, wenn der Gesetzgeber in diesem Falle regulierend eingreifen würde und den Einsatz der Geräte im öffentlichen Leben untersagen würde.

  6. 10.05.13 09:40 konqui

    Beim Lesen bekam ich ein deutlich unangenehmes Gefühl. Google-Glass birgt soziologischen Sprengstoff. Im öffentlichen Raum werden wir zwar schon überwacht, doch sind die Kameras anonym und unbeweglich. Mit Google-Glass sitzt nun die personifizierte Überwachung vor uns, im privaten, beruflichen und öffentlichen Umfeld. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Misstrauen früher oder später in Aggression wandelt. In Endeffekt verlieren wir alle unsere Persönlichkeit. Wir werden nur noch fremdgesteuerte Statisten.

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