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Interview: "Ein geräuschloses Handy funktioniert nicht"

Die Töne, Klänge und Geräusche, die ein Handy oder Smartphone von sicht gibt, sind wichtig: Sie geben einerseits den Nutzern Sicherheit im Umgang mit dem Gerät und die Möglichkeit zur Personalisierung und sind andererseits für die Hersteller Mittel zur Differenzierung ihrer Geräte. Wir haben mit Anna Symanczyk eine Expertin zum Thema Sound-Design befragt. Ein geräuschloses Handy würde gar nicht funktionieren, sagt sie.

AM: Frau Symanczyk, was ist eigentlich Produkt-Sound-Design?

Anna Symanczyk: Mit Produkt-Sound-Design ist grundsätzlich die klangliche Gestaltung von Produkten gemeint, idealerweise mit Sound-Designs, die den Verkauf sichern und das Produkt von denen der Konkurrenz absetzen. Doch nicht um jeden Preis: Je nach Produkt unterscheiden sich die Ansprüche an solche Klanggestaltung enorm. Manche Dinge müssen leise und sanft klingen, andere laut und kräftig, wieder andere möglichst unauffällig.

AM: Sie gehen in Ihrer Dissertation aus kulturwissenschaftlicher Perspektive an das Thema heran: Wie lautet Ihre These?

Anna Symanczyk: Meine Grundthese zeichnet das Bild eines Rückgriffes von gegenwärtigem Produkt-Sound-Design auf historische Klänge. An vielen Produkten lassen sich mechanisch gesehen unnötige und längst vergangene Klänge finden, die vom Design aufgegriffen werden, um Produkte mit einer besonderen Qualität, einem klanglichem Erlebnis und dadurch einem Mehrwert auszustatten.

Anna Symanczyk promoviert zum Thema Sound-Produkt-Design | (c) Anna Symanczyk

Anna Symanczyk promoviert zum Thema Sound-Produkt-Design | (c) Anna Symanczyk

AM: Können Sie das an einem Beispiel aus der Handy-Welt erläutern?

Anna Symanczyk: Die an sich glatte, unhaptische Oberfläche von Smartphones erlangt gewisse Tiefe, die durch das audio/visuelle Design gestaltet wird. Bei vielen Funktionen wie etwa dem Fotografieren habe ich das optische Ereignis, dass sich eine Blende wie bei einer alten analogen Kamera öffnet bzw. schließt. Dazu kommt das historisch gesehen passende Geräusch, der Klang einer auslösenden Analogkamera. Die Frage, warum hier auf dieses Design zurückgegriffen wird, führt zu verschiedenen möglichen Antworten: die Retromode, das Festhalten an Bewährtem bei neuer Technik, die Wiedererkennbarkeit usw. Es ist sehr gut vorstellbar, dass sich Personen, die noch mit analogen Kameras zu tun hatten, an diese Verbindung erinnern oder auf ein durch Filme, Medien ect. geprägtes Kulturverständnis zurückgreifen. Bei jüngeren Generationen jedoch ist es recht wahrscheinlich, dass der Klang des Auslösens zwar immer noch mit Fotografie verbunden ist, nur halt nicht mehr mit Analog-Fotografie, sondern mit Smartphone-Fotografie der späten 2000er Jahre.

AM: Mir fallen da gleich noch weitere Beispiele ein, zum Beispiel der bekannte scheppernde Klingelton, den viele auf ihrem Mobiltelefon eingestellt haben, oder das Geräusch beim Drücken des Sende-Buttons für E-Mails auf Apple-Geräten - als ob etwas wegfliegt. Für diese Töne gibt es ja auch keine mechanische Notwendigkeit, sie sind künstlich. Mich überrascht es immer wieder, wie viele Menschen die Töne auf ihrem Handy eingeschaltet haben, denn eigentlich müssen wir sie zum Bedienen des Geräts ja gar nicht hören. Woran mag das liegen?

Anna Symanczyk: Als zentrales Motiv ist hier die Rückmeldung zu sehen. Die Sinne sind im Moment der Telefonnutzung nicht nur damit beschäftigt, sondern beobachten - visuell und auditiv - beispielsweise den Verkehr. Man kann sich nun quasi aussuchen, ob man sich auf die visuelle oder die akustische Rückmeldung verlässt, oder eben das Zusammenspiel beider Sinne. Wie bei fast allen Geräten kommt die Aufmerksamkeit bei der Nutzung erst so richtig ins Spiel, wenn etwas ungewohnt klingt oder aussieht, ein Signalton fehlt beispielsweise.

AM: Sie hatten das Vermitteln von "Qualität" durch Klänge schon angesprochen. Geräusche sagen also auch etwas über den Wert eines Produktes wie ein Handy aus. Wenn ich zum Beispiel auf das Gehäuse drücke und es knarzt, kommt es mir billig vor. Sound-Produkt-Design umfasst aber auch das Ausblenden von Geräuschen, etwa das Unterdrücken von Umgebungsgeräuschen beim Telefonieren durchzusätzliche Mikrofone im Handy. Wie würde wohl ein völlig geräuschloses elektronisches Produkt wie ein Handy auf uns wirken?

Anna Symanczyk: Ich denke nicht, dass ein geräuschloses Gerät funktionieren würde, dafür ist man viel zu sehr auf die Rückmeldungen angewiesen. Außerdem ist das Telefon als kulturelles Produkt von Hör-Traditionen geprägt. Ein Telefon klingt nun mal - genauso wie ein Auto brummt. Da kommen wir in den Bereich der Elektromobilität, die ja auch geräuschlos laufen könnte und immer wieder die Debatten anregt, ob es dann zu gefährlich im Stadtverkehr wäre usw. Ich denke, in Bezug auf das Telefon, dass sich die Gewohnheiten so leicht nicht abschütteln lassen und deshalb weiterhin mit Sound produziert wird.

AM: Bei den Benutzeroberflächen von Smartphones ist nicht erst seit Apples neuem Betriebssystem iOS 7 ein Trend zum Abstrakten zu erkennen. Die Hersteller scheinen den Anwender für ausreichend erfahren zu halten, so dass keine Notwendigkeit mehr für den Skeuomorphismus, die bildliche Darstellung von Dingen, besteht. Ist eine solche Entwicklung auch beim Sound von Produkten vorstellbar?

Anna Symanczyk: Ganz im Gegenteil ist mir bei diesem angesprochen Update aufgefallen, dass der Klang sehr viel aufwändiger gestaltet zu sein scheint. Es hat mehr Hall und die Klänge scheinen länger anzudauern. Die Sounds an sich sind meist wie bei den Vorgängermodellen geblieben, jedoch sind sie eindringlicher geworden. Die angestrebte Schlichtheit im Visuellen wird - so scheint es mir zumindest - durch auffälligere Klänge kompensiert. Das Wusch der "wegfliegenden" E-Mail dauert länger, hallt mehr und ist insgesamt eindringlicher geworden.

AM: Schauen wir mal über den Tellerrand: In welchen anderen Bereichen ist Sound-Produkt-Design besonders wichtig?

Anna Symanczyk: Die Automobilindustrie ist Vorreiter in Sachen Sound-Design. Als Beispiel der Blinker, ein normierter Klang, der nicht so klingen müsste. Nirgends wird so viel Aufwand und Geld in das Design gesteckt. Auch der Gesamtklang eines Wagens ist vor allem im hochpreisigen Bereich enorm wichtig. Im Bereich der Haushaltsgeräte passiert ebenfalls viel, und auch in der Lebensmittelbranche wird klanggestaltet.

AM: In der Geschichte sind sicherlich viele Klänge auch "verloren" gegangen. Wird unser Hörwissen eigentlich irgendwo abgespeichert und lässt sich nachhören?

Anna Symanczyk: Da möchte ich eine sehr interessante Seite empfehlen: "Conserve the Sound". Der Name ist Programm: Zwei Designer haben es sich zur Aufgabe gemacht, Alltagsprodukte "abzuspielen" und als Klangkonserven zugänglich zu machen. Die insgesamt sehr schön gestaltete Seite richtet den Fokus auf die Klänge und lädt sehr zum Stöbern ein. Man kann dort auch gut die Entwicklungslinien sehen, die sehr verschiedene Geräte in Sachen Sound Design genommen haben. Vom Opel Astra bis zur Kaffeemühle ist auch das Spektrum sehr breit. Es gibt auch andere renommierte Ansätze, Klangarchive anzulegen. Das Problem dabei ist immer wieder, dass der Klang alleine schwer zugänglich ist, man braucht auch das visuelle Ereignis, um den Klang zuordnen zu können. Und dann schließlich kann ein Archiv auch immer nur ausschnitthaft sein, insofern sind tatsächlich viele Klänge verloren gegangen, dafür aber auch viele neue hinzukommen. 

AM: Vielen Dank für das Interview, Frau Symanczyk.

Dossier Klinge(l)nde Handys:

Themen: Smartphones, AM Thema
Quelle: AM
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Kommentare
  1. 01.05.14 21:12 M.a.K (Handy Master)

    Bei mir ebenfalls.

    Zu 99,5 % ist es auf lautlos und trotzdem höre ich es wenn es nicht gerade auf etwas Weichem liegt.

    Da ich oft in meiner Freizeit mit dem Bike unterwegs bin kommt daher auch nur ein Vibrationsalarm in frage da ich sonst nicht viel mitbekommen würde. Manche sagen schon mein Bike hat einen Motor, dabei sind es nur die Reifen, daher manchmal ist der Sound dann doch nicht ganz unwichtig :D

  2. 01.05.14 20:31 Marketinghoschi (Expert Handy Profi)
    nosound

    ich bin wohl diesbezüglich auch ein freak. ich brauche die tönr nicht.

  3. 01.05.14 19:17 Xoco

    Ich hab mein Handy zu 98% lautlos, das heißt nur Vibration und Status LED, wenn ich draußen bin und es wirklich wichtig ist mach ich auch mal die Handyklingeltöne an, damit ich kein Anruf verpass.
    Wenn ich ton an hätte würde es mich die ganze Zeit verrückt machen, gerade wenn man so whatsapper hat die für 1 Satz 5 Zeilen brauchen.
    Man muss auch mal lernen dass das Handy nicht das Wichtigste ist.

  4. 01.05.14 18:51 Björn Brodersen (areamobile.de)

    @Fritz_The_Cat

    Keine Sorge, habe dir den vorherigen Post nicht übergenommen. Wollte nur darauf hinweisen, dass er in ein Themenpaket eingebettet war.

    Beste Grüße

    Björn

  5. 01.05.14 16:22 Fritz_The_Cat (Advanced Handy Master)
    @ Björn

    Diesen Artikel wiederum finde ich sehr interessant und aufschlussreich. Danke dafür!

  6. 01.05.14 15:47 TheHunter (Gast)

    So sonderlich bist du da nicht. Mein Gerät ist auch immer nur auf Vibration. Alles andere aus.

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