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Langzeit-Test Lumia 950: Microsoft, wir müssen reden!

Neu sind Smartphones immer aufregend, schön und glänzend. Doch mit der Zeit stellt man immer mehr Dinge fest, die vielleicht doch nicht so gut gelungen sind. Gleichzeitig lernt man manche Features erst später wirklich schätzen. Nach einem halben Jahr mit dem Windows-10-Smartphone Lumia 950 ist es Zeit, Bilanz zu ziehen.

Microsoft Lumia 950 XL Hands-on | (c) Areamobile

Da lacht er noch: Steffen hält erstmals Lumia 950 und Lumia 950 XL in der Hand. | (c) Areamobile

Seit dem Wechsel von Windows Mobile auf Windows Phone 7 habe ich durchgehend ein Smartphone mit diesem Betriebssystem als Hauptgerät in Betrieb gehabt. Da waren das LG Optimus 7, das Lumia 800, das Lumia 920 - das ich mir sogar ein zweites Mal gekauft habe, nachdem es mir im Park geklaut wurde -, das Lumia 1020, Lumia 930 und momentan eben das Lumia 950 von Microsoft. Auch zahlreiche andere Smartphones mit Windows Phone habe ich in der Zwischenzeit getestet und mal länger, mal kürzer in Gebrauch gehabt. Selten war ich nach einem halben Jahr mit einem Smartphone aber so zwiegespalten im Urteil wie jetzt mit dem Lumia 950 Dual-SIM.

Die Kamera des Lumia 950 ist ausgezeichnet

Das Lumia 950 kann viele Sachen richtig gut, da beißt die Maus keinen Faden ab. Zu den Dingen, die ich auch nach einem halben Jahr noch sehr mag und die besser funktionieren als bei der großen Mehrzahl aller anderen Smartphones, gehört die Kamera. Die 20-Megapixel-Knipse mit Pure-View-Label von Carl Zeiss ist zwar nicht so flott wie die Kameras etwa im iPhone 6S oder im Galaxy S7, die Bildqualität ist aber herausragend gut. Beim Detailreichtum kommt kaum ein Smartphone an das Lumia 950 heran, die Zahl von Bildern, die nicht gelingen und gelöscht werden müssen, ist ziemlich gering. Dass die Frontkamera da nicht ganz mithalten kann, kann ich verschmerzen, der große Selfie-Fotograf bin ich ohnehin nicht.

Ebenfalls zur absoluten Spitze gehört für mich das 5,2 Zoll große QHD-Display im Lumia 950. In der Vergangenheit gehörten die AMOLED-Displays von Nokia und Microsoft, etwa im Lumia 930, nicht zu meinen Favoriten: Das Bild zog immer leicht nach, es gab hier und da Einbrenn-Effekte und der Glance-Screen - auf deutsch schlicht "Blick" genannt - wurde nicht immer unterstützt. Das Lumia 950 kennt solche Probleme nicht, die Darstellung ist klasse, knackscharf, die Farbdarstellung individuell einstellbar und die Helligkeit ausgezeichnet - wenn man auf die automatische Regelung verzichtet, die macht nämlich immer wieder, was sie will und reagiert unvorhersehbar auf äußere Gegebenheiten.

Die richtige Größe

Gut passend ist für mich auch die Größe des Smartphones. Das Lumia 950 ist mit seinem 5,2-Zoll-Display mein persönlicher Sweet Spot für die Ausmaße eines Smartphones, das ich täglich und immer dabei habe. Größer ist zu unhandlich, viel kleiner sollte es dauerhaft nicht sein. Deutlich ansehnlicher wird das Lumia 950 übrigens mit dem Mozo-Cover mit Leder-Rückseite, das es kurzzeitig für Windows-Insider bei der Telekom umsonst gab. Damit sieht das Smartphone wenigstens ein bisschen nach Flaggschiff aus, auch wenn es immer noch meilenweit von den Edel-Androiden und dem iPhone entfernt ist.

Die Performance des Snapdragon 808 reicht mir völlig aus, auch wenn andere Top-Smartphones noch eine Spur schneller reagieren. Das kaschiert Windows Mobile aber gut mit entsprechenden Animationen. Nicht mehr verzichten möchte schon seit langer Zeit auf den Qi-Standard. Den Akku drahtlos zu laden, ist so angenehm und derartig in meinen Alltag übergegangen, dass Smartphones, die das nicht können, für mich einen echten Makel besitzen. Klar, mit Quick Charge und USB Typ C ist das schon alles auch erträglich, aber nein, ich möchte es am liebsten ohne Kabel erledigen. Die Akkulaufzeit des Lumia 950 ist völlig in Ordnung, zumindest dann, wenn die Software einem keinen Strich durch die Rechnung macht.

Lumia 950 mit Mozo-Cover | (c) Areamobile

Lumia 950 mit Mozo-Cover | (c) Areamobile

Eine Baustelle so groß wie der BER

Und da gehen sie dann los, die Probleme. Windows 10 Mobile ist, das muss man auch ein halbes Jahr nach dem Start sagen, immer noch eine Baustelle - und zwar eine, wo ähnlich viel schief zu laufen scheint wie am neuen Berliner Flughafen. In dem halben Jahr kam es sicher zehn Mal vor, zuletzt vor wenigen Wochen, dass mein Lumia 950 morgens mit weniger als 20 Prozent Akku im Stromsparmodus war, obwohl es abends 80 und mehr Prozent auf der Anzeige hatte. Die Gründe dafür sind unterschiedlich und kaum zu bestimmen. Mal geht der Glance Screen nicht aus und strahlt stundenlang mit voller Helligkeit vor sich hin, mal ist das ganze Smartphone so warm als hätte es im August drei Stunden in der Sonne gelegen, mal scheint das Funkmodul mit voller Leistung zu arbeiten, obwohl nichts zu tun ist - das Ergebnis ist das gleiche, der Akku ist innerhalb weniger Stunden fast leer gesaugt, ohne dass man das Lumia 950 berührt hat.

Nerviger als das Akku-Problem sind aber die vielen kleinen Dinge, die mit Windows 10 Mobile im Alltag nicht so funktionieren, wie sie sollen. Vor allem Dinge, die im Hintergrund geschehen sollten, sind nicht gerade die starke Seite des Systems. So versuchte das Lumia 950 eine geschlagene Woche lang, die Offline-Karte für Deutschland zum Navigieren herunterzuladen - aber offenbar nur dann, wenn man die Maps-App aktiv nutzt, um irgendwo hin zu finden. Dann wiederum stoppt das System aber den Download, weil man sich ja nicht in einem WLAN befindet. Na gut, dann eben den Download manuell anwerfen, wenn man morgens ins Büro oder abends nach Hause kommt. Resultat: keines. Der Download läuft augenscheinlich nur dann, wenn man sich tatsächlich in der Maps-App oder in dem entsprechenden Dialog in den Systemeinstellungen befindet.

Ein ähnliches Verhalten zeigt das Lumia beim Download von Musik und sogar bei App-Updates, die meist auch nur dann angezeigt und installiert werden, wenn die Store-App geöffnet wird. Immer wieder brechen App-Updates zudem mit kryptischen Fehlermeldungen ab, beim direkten Wiederholen klappt es dann. Die Fehler bekommt man aber nur zu Gesicht, wenn man sich die Update-Liste in der Store-App anschaut - das ist eigentlich fast schon zum Lachen, so unausgegoren wirkt es. Dass das Lumia 950 auch sonst immer wieder fröhlich zwischen WLAN und mobilen Daten hin und her schaltet, auch wenn man die unsägliche WLAN-Optimierung abschaltet, belastet das Datenkontingent unter Umständen über Gebühr. Die unregelmäßig auftretenden Neustarts, der manchmal nicht reagierende Lockscreen und die schlecht funktionierende Anmeldung über den Augenscan mit Windows Hello kommen dabei noch hinzu. Continuum habe ich nach dem Test nie wieder benutzt, auch wenn ich es irgendwie spannend finde.

An sich gut funktioniert die Oulook-App, in der man mehrere Konten zusammen oder getrennt verwalten kann und die gut in Windows 10 Mobile integriert ist. Aber wehe, man bekommt eine HTML-Mail, die man sich komplett anschauen möchte, oder einen Anhang. Klickt man auf die Schaltfläche, um den Rest einer Mail herunterzuladen, erwartet man, dass das in der Regel schnell geht, stehen da doch meist Werte von 20 bis 40 kB. Denkste, das dauert gerne mal fünf Minuten, egal wie schnell die Internetverbindung gerade ist. Solche eigentlich kleinen Dinge machen mich im Alltag mehr verrückt als die Tatsache, dass die App-Auswahl hinterher hinkt.

Microsoft-Apps laufen anderswo besser

Um eines klar zu stellen: Die App-Auswahl von Windows 10 Mobile ist besser geworden, was die Zahl der Anwendungen im Store angeht. Die Qualität der Apps hinkt aber immer noch meilenweit hinter Android und vor allem iOS hinterher. Neue Anwendungen kommen zudem immer wieder viel später für Windows-Smartphones heraus, wenn sie denn überhaupt kommen. Ärgerlich zudem: Apps, die von Microsoft selbst stammen, funktionieren mittlerweile auf Android-Handys oder dem iPhone besser als auf einem Lumia. Ich denke dabei etwa an die Musik-App Grove, die auf dem Lumia 950 immer wieder Aussetzer und Probleme zeigt, oder auch das mobile Office. Dass man letzteres für alle Smartphones kostenlos anbietet, hat der Plattform zudem ein Alleinstellungsmerkmal geraubt.

Eine der Kernkompetenzen eines Smartphones erledigt das Lumia 950 wiederum ausgezeichnet, und das ist die Telefonie. Die Sprachqualität des Lumia 950 ist ausgezeichnet, die Dual-SIM-Funktion sehr gut umgesetzt. Dass der interne Lautsprecher nichts taugt, kann ich gut verschmerzen, Freisprechen kommt bei mir kaum einmal vor. Die Integration von Skype in die Nachrichten-, Telefon- und Kontakte-Apps ist zudem sehr gut gelungen, auch wenn es schön wäre, wenn man das optional machen würde und nicht automatisch ohne Möglichkeit zur zumindest temporären Abschaltung. Ebenfalls ein Traum, vor allem im Vergleich mit Android, ist die Bildschirmtastatur, deren Bedienung so angenehm und die Wortvorschläge so treffend sind, dass es eine Freude ist, damit zu tippen.

Wehe, es geht mal was kaputt

Schon nach knapp zwei Wochen mit dem Lumia 950 kam ich in den zweifelhaften Genuss, den Hardware-Support von Microsoft testen zu müssen. Das Display des Smartphones war in tausend Teile zersprungen. Wie das passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Heruntergefallen ist mir das Lumia 950 nicht, vermutlich habe ich es durch die Hosentasche hindurch mit meinem schweren Fahrradschloss erwischt. Egal, eigene Dummheit, dann eben austauschen. Bei einem so neuen Gerät blieb nur der offizielle Weg über die Reparaturabwicklung von Microsoft, andere Dienstleister hatten noch keine Ersatzteile vorrätig. Gesagt, getan, angemeldet, Gerät registriert, schweren Herzens knapp 200 Euro an Microsoft überwiesen, das Handy zurückgesetzt, verpackt und losgeschickt.

Die Reparatur wurde bei Arvato in Ungarn erledigt, im Online-System war das Lumia 950 nach sechs Tagen als "eingegangen" markiert. Danach tat sich nichts. Überhaupt nichts. Keine Änderung des Auftragsstatus, keine Nachricht über den weiteren Verlauf, nichts. Nach einem Monat begann ich, über die offiziellen Microsoft-Kanäle und später über die Pressestelle immer wieder nachzubohren. Noch nicht einmal einen Ansprechpartner für so ein Anliegen konnte man mir nennen. Um es kurz zu machen: Es dauerte über zwei Monate seit dem Verschicken, bis ich mein Lumia 950 wieder in den Händen hielt, und ich bin sicher, ohne die Hilfe der lieben Kollegen aus der Pressestelle, für die ich nach wie vor äußerst dankbar bin, wäre es noch länger gewesen. Der Clou: Am Ende schickte man mir sogar einfach ein komplett neues Lumia 950, statt das Display zu tauschen. Nach zwei Monaten für eine Reparatur, die eine halbe Stunde dauert. Für den Normalkunden, der nicht ständig andere Smartphones zum Testen auf dem Schreibtisch hat, ist das untragbar und nicht zu akzeptieren. Dass mein Paket noch eine Extra-Runde nach Berlin, zurück nach Ungarn und wieder hierher drehte, war der Tatsache geschuldet, dass man statt meinem Namen "Xbox Live" auf das Paket gedruckt hatte, was der Paketbote nicht finden konnte. Da die Mail mit der Versandnachricht statt einer Trackingnummer nur den Eintrag "%:%" aufweisen konnte, war ich auch nicht in der Lage, selbst mit dem Lieferservice in Kontakt zu treten. Bei aller Liebe, Microsoft, so geht das nicht.

Fazit

Nach einem halben Jahr mag ich das Lumia 950 immer noch irgendwie. Display und Kamera gehören zum Besten, was man kaufen kann, die Performance ist angenehm flott, Sprachqualität und Akku überzeugen. Doch die Software bringt mich ein ums andere Mal zum Verzweifeln. Wenn sich an dieser Stelle nicht bald etwas Entscheidendes tut, war das Lumia 950 das letzte Windows-Smartphone, das ich als mein Hauptgerät jeden Tag benutze.

Autor: Steffen Herget

Ganz ehrlich: Ich glaube, wenn ich nicht so viel Geld für das Lumia 950 und die Display-Reparatur ausgegeben hätte, würde ich es längst nicht mehr als Haupt-Smartphone benutzen. Vielleicht wäre das auch manchmal besser für meine Nerven. Aber die Kamera und das Display sind halt echt gut, die Größe auch, und außerdem ... Ihr kennt das.

Persönlicher Kommentar von Steffen Herget

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Kommentare
  1. 15.06.17 16:03 Emmy
    neues Lumina

    Bin ein Nokia Fan. Meine Letzten Geräte sind Lumina 920 und 930. Jetzt steht ein neues Smartphone an. Ich möchte mir gerne das Lumima 950 zulegen, da das 920 langsam seinen Geist aufgibt. Ich habe Angst vor Window 10 und wäre um Ratschläge dankbar. Emmy

  2. 15.06.17 16:03 Emmy
    neues Lumina

    Bin ein Nokia Fan. Meine Letzten Geräte sind Lumina 920 und 930. Jetzt steht ein neues Smartphone an. Ich möchte mir gerne das Lumima 950 zulegen, da das 920 langsam seinen Geist aufgibt. Ich habe Angst vor Window 10 und wäre um Ratschläge dankbar. Emmy

  3. 17.05.16 15:01 benthepen (Advanced Handy Master)

    Vor allem, welcher großer Player soll denn jetzt noch kommen und ein neues OS etablieren?? Da föllt mir nur einer ein, und das ist Samsung. Und dieses Thema hatten wir ja schon oft hier.
    Im Moment sehe ich ein Duopol und das auf laaaaange Zeit. Jedes kleine OS kann von Google sofort im Keim erstickt werden...

  4. 17.05.16 14:58 Applenerd (Handy Profi)

    Schade, dass MS so spät gekommen ist und nun offenbar den Markt aufgegeben hat. Ein Duopol Android/iOS ist doch etwas dürftig. WP/W10M gefällt mir eigentlich im Grund ganz gut. Schade, dass der Markt es nicht angenommen hat und MS nicht soviel Gas gegeben hat, wie notwendig gewesen wäre.

  5. 17.05.16 10:40 oeko_landmann (Newcomer)

    Moin zusammen,

    es ist, wie Steffen sagt, am Ende hat man ein echtes Stück high-Tec, das alle Alltagsaufgaben bewältigt (von der Wartezeit bei Outlook mal abgesehen), aber man hat auch dauernd das Gefühl, es bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Dennoch kann man nicht umhin, es immer wieder in die Hand zu nehmen und die Dinge, die es richtig gut beherrscht (z.B. Fotos, Datenaustausch mit PC, VoLTE) begeistert zu nutzen. Bei anderen Dingen (z.B. Streaming über Fritz box und VLC tut nicht - grrr) könnte man es in die Ecke feuern. Continuum als Idee super, in der Praxis das ganze Kabelgetüddel wenn man es mitnehmen will... Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Lieben Gruß
    Jörg

  6. 17.05.16 09:33 Steffen Herget (areamobile.de)

    @SaselPC: Auf dem Lumia 950 lief nie eine Preview, immer nur die offizielle Version. Letzter Reset war de facto das Austauschgerät Ende Februar.

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