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Test: Senioren-Handys zu kompliziert für die Zielgruppe

Ingo Pakalski | Golem.de 30.09.2017 - 09:00 | 4
Test: Senioren-Handys zu kompliziert für die Zielgruppe

Senioren-Handys sind für ältere Menschen mit verloren gegangenem Fingergefühl und nachlassendem Sehvermögen gemacht - würde man denken. Im Test von Doro- und Emporia-Geräten zeigt sich jedoch, dass die Senioren-Handys den Bedürfnissen der Zielgruppe nicht gerecht werden.

Einfache Handys sind von Smartphones fast vom Markt verdrängt worden. Eine Ausnahme sind die Großtastenhandys, die sich gezielt an Senioren und andere Nutzer richten, die vorwiegend telefonieren wollen und darüber hinaus nur wenige Funktionen benötigen, dabei aber auf leichte Bedienbarkeit Wert legen oder sogar angewiesen sind. Entscheidend für diese Zielgruppe sind eine übersichtliche und intuitiv zu bedienende Oberfläche, leicht zu treffende Tasten und ein gut ablesbares Display. Wir haben drei Geräte aus dieser Kategorie von Doro und Emporia getestet - und waren erschüttert, wie schlecht sich die Anbieter auf ihre Zielgruppe einstellen.

Beim Test haben wir uns auf Seniorenhandys konzentriert, die auch im UMTS-Netz funktionieren: das Doro Secure 580IUP, das Doro 5516 und das Euphoria 3G von Emporia. Das ist in dem Segment keine Selbstverständlichkeit. Die meisten Geräte könnten nur im GSM-Netz verwendet werden, weil die nötigen UMTS-Bauteile fehlen. Das kann aber beim Empfang zu Problemen führen, wenn die GSM-Netzabdeckung nicht ausreichend ist.

Smartphone-Features wie LTE oder WLAN sind bei solchen Einfachhandys generell nicht zu erwarten, ebenso wenig kratzfeste Displays: Die Kunststoffdisplays der Handys sind sehr anfällig für Beschädigungen und sollten entsprechend sorgsam behandelt werden. Auch die vielen Sensoren wie bei Smartphones etwa zur Helligkeitsregulierung des Displays findet man hier nicht. Der Verzicht auf diese Komponenten ist auch dem niedrigen Preis geschuldet.

Die getesteten Handys haben meist größere Tasten, so dass diese leichter zu treffen sind, die Displays sind aber deutlich kleiner als bei Smartphones. Bei einigen Modellen kann die Schrift vergrößert werden, um die Lesbarkeit zu erleichtern. Zudem haben alle getesteten Geräte einen Notrufknopf, um bei Bedarf schnell Hilfe holen zu können. Sie lassen sich besonders laut stellen und sind dadurch auch für Schwerhörige gut zu verstehen.

Doro Secure 580IUP macht es zu einfach

Doro Secure 580 | (c) Doro
Doro Secure 580 | (c) Doro

Das Secure 580IUP von Doro hat das ungewöhnlichste Konzept. Als einziger der Kandidaten im Test hat es keine klassische Handy-Klaviatur, sondern vier Tasten, die mit jeweils einer Telefonnummer belegt werden können. Es gibt keine Möglichkeit, manuell eine Telefonnummer einzugeben, und auch kein weiteres Telefonbuch.
    Diese Einschränkung ist ganz erheblich, weil hier höchstens vier Personen ohne Umweg über den Notrufknopf angerufen werden können. Wenn eine Person auf zwei verschiedenen Rufnummern erreichbar sein soll, können insgesamt noch weniger Personen erreicht werden. Hier hätte der Zugriff auf ein normales Adressbuch im Handy leicht Abhilfe geschaffen. Doro hat zu stark auf eine möglichst einfache Bedienbarkeit des Gerätes gesetzt.

Verborgene Einstellungen

In anderen Bereichen gelingt es dem Hersteller ganz passabel, die Bedienbarkeit des Gerätes sinnvoll zu vereinfachen. Die Einstellungen für das Handy sind erst durch den längeren Druck auf einen etwas verborgenen Spezialknopf erreichbar. Damit bleibt das Hauptmenü für Anwender vergleichsweise übersichtlich. Zusätzlich lassen sich nicht benötigte Funktionen ausblenden, um die Übersicht nochmals zu erhöhen. Bei der Bedienung geht Doro aber wie andere Hersteller keine neuen Wege, sondern verwendet die von Einfachhandys seit Jahren bekannte Steuerung: Es gibt eine Hoch-Runter-Wippe und Kontexttasten unterhalb des Displays, die jeweils andere Funktionen ausführen und im im Display entsprechend angezeigt werden.

Mit der Zweiteilung der Menüs soll verhindert werden, dass Gerätebesitzer versehentlich wichtige Einstellungen ändern. Normalerweise sollen sie gar keine Einstellungen selbst vornehmen, sondern sich dabei helfen lassen. Konsequenterweise legt der Hersteller dem Handy auch zwei Handbücher bei. Das eine ist für die grundlegenden Funktionen, das andere zum Konfigurieren und Einrichten des Geräts. Dieser Ansatz ist vielversprechend, führt aber bei dem zu kleinen Telefonbuch zu einem Problem.

Denn nur in den verborgenen Einstellungen können die im Telefonbuch hinterlegten Nummern geändert werden. Falls also eine andere als die vier eingespeicherten Nummern angerufen werden soll, geht das nur, indem ein Telefonbucheintrag überschrieben wird. Dafür müsste sich der Gerätenutzer also doch wieder durch die vollständigen Menüs hindurchhangeln.

Die fehlende Handy-Klaviatur schränkt ein.

Die Handy-Klaviatur fehlt beim Doro Secure 580IUP

Doro Secure 580 | (c) Doro
Doro Secure 580 | (c) Doro

Das Fehlen einer normalen Handy-Klaviatur macht die Eingabe von Rufnummern oder Namen beim Doro Secure 580IUP sehr kompliziert. Mit den Lautstärketasten muss dafür in einer einzeiligen Tastatur nacheinander der passende Buchstabe ausgewählt werden. Das ist sehr mühsam, zumal eine Tastenwiederholung nicht vorhanden ist und Nutzer bei Bedarf entsprechend oft auf die Taste tippen müssen, anstatt diese einfach gedrückt zu lassen und damit zum passenden Buchstaben zu springen. Technisch weniger versierte Anwender dürften sich schwer tun, mit den Minimaltasten das Gerät vollständig einzurichten.

Doro ist sich des Problems bewusst und bietet einen Fernzugriff auf das Gerät an, um dieses im Webbrowser einzurichten. Das setzt allerdings voraus, dass mit der eingelegten SIM-Karte ein Datentarif gebucht wird, denn WLAN hat das Handy nicht. Da mobile Internetnutzung bei der Zielgruppe in der Regel nicht benötigt wird, erscheint uns diese Funktion hier fehl am Platze. Ansonsten wird die Einrichtung des Geräts dadurch deutlich vereinfacht. Diese Möglichkeit bietet Doro auch bei anderen Telefonen an.

Zu kleines Display für die große Schrift

Alle Tasten am Gerät sind besonders groß, damit immer nur die gewünschte Taste und nicht versehentlich eine andere gedrückt wird. Dafür ist das Display mit einer Diagonale von 1,8 Zoll vergleichsweise klein geraten. Die Schrift auf dem Display ist zwar relativ groß, aber genau das führt gelegentlich zu Problemen: Der Text ist im Menü hin und wieder abgeschnitten, weil er nicht auf das Display passt. Dann muss gewartet werden, bis der Text mit dem Scrollen beginnt. Für technisch weniger bewanderte Nutzer macht es die Gerätebedienung an dieser Stelle unnötig kompliziert. Das Display lässt sich auch von der Seite gut einsehen, die Darstellungsqualität ist für den Einsatz gut. Eine Kamera ist nicht verbaut.

Das Versenden von SMS ist mit dem Gerät gar nicht möglich, nur der Empfang ist vorgesehen. Wenn der Handybesitzer eine SMS erhält, kann er darauf also nicht einmal mit "ok" antworten. Das Schreiben einer SMS macht ohne Tastatur zwar wenig Freude, aber wir finden es trotzdem nicht gut, dass das Verschicken von Kurzmitteilungen gar nicht möglich ist. Mit Hilfe von Antwortvorlagen hätte man das Problem gut lösen können.

Vorbildliche Notruf-Implementierung

Doro Secure 580 Rückseite | (c) Doro
Doro Secure 580 Rückseite | (c) Doro

Alle Testteilnehmer haben eine Notruftaste, aber nur beim Secure 580IUP gibt es sinnvolle Zusatzfunktionen, die bei einem Notruf eine wertvolle Hilfe sein können. Die Notruftaste auf der Rückseite kann mit bis zu fünf Rufnummern - von Privatpersonen, Hilfseinrichtungen oder der Feuerwehr - belegt werden. Bevor hier die Rufnummern von Hilfseinrichtungen hinterlegt werden, sollten diese darüber informiert werden.
    Die erste Rufnummer in der Liste sollte die sein, die am besten erreichbar und von der am schnellsten Hilfe bei einem Unfall zu erwarten ist. Die Belegung der Notruftaste ist leider nicht über das Telefonbuch möglich, sodass eine bereits gespeicherte Nummer mühsam über die einzeilige Bildschirmtastatur erneut eingegeben werden muss.

Damit es keine falschen Alarme gibt, führt ein einmaliges Betätigen der Taste noch nicht zur Aktivierung der Notrufsequenz. Erst wenn die Taste entweder drei Sekunden lang oder zweimal schnell hintereinander gedrückt wird, beginnt das Handy, alle Kontakte im Notruf-Adressbuch nacheinander anzurufen, bis jemand abhebt. Alternativ kann es auch so eingestellt werden, dass die Taste dreimal innerhalb von einer Sekunde gedrückt werden muss, um einen Notruf abzusetzen.

Generell gibt es vor dem Beginn der Anwahl zur Sicherheit noch eine kurze Wartezeit, um den Notruf bei Bedarf abbrechen zu können. Bei einem Anruf wird automatisch der Freisprechmodus aktiviert für den Fall, dass der Gerätebesitzer durch einen Unfall das Handy nicht mehr ans Ohr halten kann. Er muss aber noch in der Lage sein, den Notrufknopf zu betätigen.

Das Doro-Handy soll auch erkennen, wenn der Träger stürzt, mit dieser Funktion sind wir aber nicht zufrieden.

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Kommentare
  1. 01.10.17 14:06 chief (Professional Handy Master)

    Bei diesen Geräten ist es einfach echt schade um die Ressourcen, die dafür aufgewendet wurden. Personell sowie Materiell.

  2. 30.09.17 18:59 IchBinNichtAreamobile.de (Advanced Handy Master)

    Also ich kann das bestätigen. Zwei Stück hab ich davon schon in der Hand gehabt. Die zweite Version hatte kein richtiges D-Pad und man konnte nur hoch und runter drücken ... dumm nur wenn man eine Nummer einspeichern will und man merkt, dass man vorne was ändern muss. Also man hat wenig Optionen, aber die sind auch noch schwer zu bedienen. Quasi das Gegenteil von dem was bei Smartphones gemacht wird.

    @Antiappler:"Aber dann kam das Argument mit der großen, "richtigen" Tastatur, was kann man da noch entgegnen?"
    >>Naja an Tastaturhandies ist ja erstmal gar nichts auszusetzen. Ich denke, dass man da schon eine intuitive Bedienung mit hinbekommt. Die "Senioren"-Handies sind aber einfach hingekackt. Obwohl Smartphones für einige ältere Herrschaften vermutlich trotzdem besser wären, aber kommt eben ganz drauf an. Eine echte Tastatur ist für manche Belange nicht zu verachten.

  3. 30.09.17 17:51 Antiappler (Handy Profi)

    Dass die "Senioren-Handys" zu kompliziert für diese Zielgruppe sind, kann ich nur bestätigen, da ich einige Geräte, von unterschiedlichen Herstellern, in den letzten Jahren eingerichtet habe.

    Hat selbst mich durch teils sehr merkwürdige Menüführung öfter an den Rand der Verzweiflung getrieben.

    "Ein preiswertes Smartphone mit einem Senioren-Launcher funktioniert tadellos und ist erheblich günstiger und durch entsprechende Anpassungen fexibler."

    Habe ich auch schon so oft erzählt, und wenn die Leute gesehen haben wie einfach eine SMS damit zu schreiben ist, war das Erstaunen schon groß.

    Aber dann kam das Argument mit der großen, "richtigen" Tastatur, was kann man da noch entgegnen?

  4. 30.09.17 16:42 idm (Youngster)

    Ein preiswertes Smartphone mit einem Senioren-Launcher funktioniert tadellos und ist erheblich günstiger und durch entsprechende Anpassungen fexibler.

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