Unser Testmuster kam in einer schwarzen Pappschachtel mit recht interessantem Öffnungsmechanismus daher. Siemens scheint sein Motto „Be inspired“ sogar auf das Verpackungsmaterial anzuwenden, denn bis man herausbekommen hat, wo man die Schachtel öffnen muss, ohne sie dabei kaputtzumachen, streifen sicherlich einige inspiratorische Gedanken durchs Gehirn. Im Schuber befindet sich Standardkost: Handy, Akku, Ladegerät, Anleitung, Mini-CD. Obwohl gerade die SL-Versionen der Siemens-Geräte Wert auf Connectivity zu PCs legt, ist kein Datenkabel im Lieferumfang enthalten. Der User muss sich wohl auf Infrarot beschränken, oder ein Kabel im Fachhandel nachkaufen – bei knapp 40€ kein Pappenstiel. Die Software zur Datenübertragung findet sich auf der beiliegenden Produkt-CD.
Das SL55 ist definitiv für Menschen gemacht, die sehr bewusst auf das Design ihrer Accessoires achten. Siemens hat ein zweiteiliges Handy konstruiert, das durch einen „Pro-Slide“ genannten Schiebemechanismus das Tastenfeld komplett versteckt, und so extrem klein und handlich wird ohne an Usability einzubüßen. In zugeschobenem Zustand misst das SL55 gerade mal 8.5cm in der Höhe, aufgeschoben 11cm. Dabei kann man in zugeschobenem Zustand dennoch telefonieren, Spiele spielen oder das Adressbuch durchforsten, da die 4-Weg-Navigationstaste, Up-Down-Tasten und die beiden Hörertasten auf dem oberen Teil des Geräts montiert sind. Im Vergleich zum ähnlich funktionierenden Nokia 7650 ist das Siemens schon fast putzig.
Der Pro-Slide ist aus Sicht der einhändigen Bedienbarkeit und Funktionalität sehr gut gelungen, aber leider nur ausreichend verarbeitet – zeitweilig fühlt man sich an Playmobil-Feuerwehrleitern erinnert, von denen sich Siemens offenbar die Führungsschiene abgeguckt hat.
Das Design hingegen sucht sicherlich seinesgleichen. Das SL55 ist ganz klar ein Hingucker und macht immer eine gute Figur. Zusammengeschoben passt es in jede Hosen- oder Hemdtasche oder lässt sich dank der Öse am oberen Rand leicht um den Hals tragen. Im offenen Zustand erinnert das Design stark an ein mit einigen Tasten erweitertes M50.
Das Display des SL55 ist mit einer Auflösung von 101x80px, auf der sich 7 Zeilen Text darstellen lassen, ziemlich klein ausgefallen (pop-up-Bild). Es lässt sich daher wohl am ehesten mit dem T68 von Sony Ericsson vergleichen, dessen Display ähnlich bemessen ist. Dafür bietet Siemens dem Kunden eine bessere Farbauflösung von 4096 Farben (12 Bit). Das Display ist sehr gut ausgeleuchtet und klar, Helligkeit und Kontrast lassen sich in 15 Stufen regulieren. Gerät eine Applikation kurzzeitig in den Ruhezustand, wird die Displayhelligkeit reduziert.
Der obere Teil des Handys ist dicker als der Tastaturteil und behindert durch den hohen runden Anstieg ein wenig das Tippen auf der oberen numerischen Tastenreihe.
Die Tasten haben einen relativ klapprigen Druckpunkt, und wir konnten beim SMS-Tippen regelmäßige Aussetzer feststellen, was aus unserer Sicht auch auf schlechte Verarbeitung zurückzuführen ist. Die Funktionstasten, das Steuerkreuz und die seitlichen Scroll-Tasten sind ebenfalls nicht viel besser verarbeitet, bisweilen kann man schon mal die rechte UpDown-Taste mit der Auflegentaste verwechseln, was insbesondere im Spielgeschehen oder bei einer längeren SMS ärgerlich ist.
Die Navigation mit den Tasten gestaltet sich als Mischung aus M50-Scrollen und T68-Joystick, wobei Siemens getreu seiner flachen Design-Linie leider auf ebendiesen verzichtet hat. Das Navigationskreuz bietet einfach nicht die Bedienbarkeit, die T68 oder 7650 mit einem Joystick bieten und ist zudem auch nicht mit einheitlichen Druckpunkten versehen.
Das SL55 bietet hier gesundes Mittelmaß. Auf Bluetooth wurde bei Siemens wieder verzichtet, dafür ist eine IrDA-Schnittstelle im unteren Gehäuseteil auf der rechten Seite integriert. Die Datenkommunikation (14kB Farbbild) mit einem 7650 gelang auf Anhieb und völlig problemlos. Siemens hat versucht, seinem SL-Motto treu zu bleiben und so viele Business-Features wie möglich zu integrieren: Hier ist zunächst die obligatorische Integration eines Organizers zu nennen, der einen Kalender, Rechner, Notizblock, Termin- und Aufgabenverwaltung und sogar für Vielreisende verschiedene Zeitzonen anbietet. In der Surf&Fun-Rubrik des Menüs findet man das Java-Midlet Unit-Converter, das alle möglichen metrischen und englischen Maßeinheiten ineinander überführt, und auch das Rechnen mit Zehnerpotenzen automatisiert – Physiklehrer der 7. und 8. Klasse, seid gewarnt!
Für Businesskunden ist auch die Integration mit Zubehör wie Carkit oder Headset bereits als Profil integriert, die sich automatisch aktivieren, sobald entsprechendes Zubehör angeschlossen wird. Auch an Reisende wurde wieder gedacht: Ein nicht änderbares Flugzeug-Profil schaltet das Handy auf lautlos und deaktiviert die GSM-Suche, so dass Bordinstrumente auf keinen Fall gestört werden können.
Das SL55 kommt mit 16-stimmigen polyphonen Klingeltönen daher. Das entspricht nicht mehr ganz dem technischen Stand, aber dank des ausgezeichneten Lautsprechers und der sehr schönen Midi-Instrumentalisierung klingen zumindest die ab Werk installierten Klingeltöne sehr ansprechend.
Siemens orientiert sich beim Stil der Klingeltöne an anspruchsvollem Publikum: drei Viertel des Klingeltonvorrats kommen aus den Musikrichtungen Klassik oder Jazz, was den Vorteil hat, dass man den Ton in der U-Bahn nicht abzuschalten braucht, da die Ringtones sehr zurückhaltend komponiert sind. Klingeltöne können im Midi- oder MMF-Format vorliegen, einen Konverter liefert Siemens auf der Produkt-CD mit. Die Zahl der Klingeltöne ist nur durch den 1.62MB großen Speicher begrenzt, ein Klingelton verzehrt im Durchschnitt 20kB.
Auch auf erweiterte Sprachfunktionen wurde großer Wert gelegt: so findet man ein integriertes Diktiergerät, das sich über einen kleinen Knopf an der linken Gehäuseseite aktivieren lässt, eine vernünftige laute Freisprecheinrichtung, die auch bei Anrufern mit stärkerem Organ nicht ins klirren gerät und ein zuverlässiges Sprachwahlfeature, mit dem sich 20 Adressbucheinträge anrufen lassen oder auch Menüpunkte ohne Zuhilfenahme der Tastatur auswählen lassen. Eine MIDP1.0 konforme Java Virtual Machine ist ebenfalls integriert. Der Prozessor führt zumindest die beiliegenden Spiele-Midlets zuverlässig und schnell aus und macht dabei auch Gebrauch von Vibrationsalarm und polyphonen Midi-Files. Angenehm: auf der Produkt-CD sind alle Spiele noch einmal vorhanden, so dass man sie zur Not später wieder installieren kann.
An dieser Stelle sei auch auf ein völlig sinnfreies Midlet hingewiesen, das Siemens sogar in höchsten Tönen bei der Produktpräsentation auf der CD anpreist: „Wonderful Voyage“ (pop-up-Bild). Es handelt sich hierbei um eine mit Vogelgezwitscher untermalte Slideshow von Bergseen, Palmstränden oder exotischen Blumen. Die Vögel sind bei allen drei Themen die gleichen, und die Qualiät der Bilder ist eher schlecht, so dass man sich diese Applikation getrost hätte sparen können.
Was sich viele Communicator-Besitzer durch Zusatzsoftware erkaufen, ist bei Siemens Programm: beim Öffnen des Pro-Slides können beliebige Ringtones abgespielt werden, so dass das Enterprise-Kommunikator-Piepsen (leider nicht im Lieferumfang) zur Realität wird – Trekkies werden begeistert sein. Leider ist die Software nicht stabil genug für einen Härtetest: wir konnten das Betriebssystem reproduzierbar zum Absturz bringen, wenn der Slider etwa 5-10 mal auf- und zugeschoben wird und dementsprechend versucht wird, den passenden Ton abzuspielen.
Das SL55 ist in der Lage, MMS-Nachrichten zu versenden, was aber ohne die entsprechende von Siemens als Zubehör angebotene Quickcam eher wenig Sinn macht. Dieses Marketing-Prinzip ist aber in Ordnung, wenn man bedenkt, dass Siemens eine aufsteckbare Kamera anbietet, die mit allen seinen neueren Modellen funktioniert und die auch im Gegensatz zu vielen anderen integrierten Kameras sogar einen Blitz integriert. Seine alte S55 oder die M55-Kamera vom Bekannten kann man mit dem SL55 verwenden, auch wenn sie etwas unsicher am dünnen Tastenfeld andockt.
Das Menü erinnert an andere Geräte des Herstellers. Die Menüpunkte im Einzelnen:
Einstellungen
Anzeige, Audio, Tastatur, Telefoneinstellungen, Uhr, Datenverbindungen, Sicherheit, Netz, Zubehör (Carkit / Headset), Pro-Slide-Einstellungen
Dateisystem
Explorerähnliche Ordner- und Dateiverwaltung
Extras
Wecker, Rechner, Währungsrechner, Stoppuhr, Countdown, Kamera, Synchronisation und Einstellungen zu Sprachkommandos
Organizer
Kalender, Agenda, Termine, Aufgaben, Notizen, Entgangene Termine, Diktiergerät, Zeitzonen
Mitteilungen
SMS, MMS, Email, SMS-Archiv, Textmodule
Profile
8 Profile wählbar, davon 3 vorbelegt als Car-Kit, Headset und Flugzeugmodus
Surf&Fun
WAP-Browser (GPRS), Spiele und Java-Applikationen (Elkware Mobile Tennis, Elkware Rayman Golf, Unit Converter, Remind Me, Wonderful Voyage)
Ruflisten
Entgangene, angenommene Anrufe und gewählte Nummern, Kostenkontrolle
Telefonbuch
Zugriff auf Adress- und Telefonbücher, vCards und Gruppenmanagement
Die Sprachqualität des SL55 ist überzeugend. Sehr deutlich sind die Unterschiede zu einem Einsteigermodell wie z.B. dem 3410 von Nokia in diesem Bereich. Bemerkenswert, wenn auch nicht negativ, ist die Tatsache, dass man sich selbst recht deutlich am anderen Ende sprechen hört, was aber rein subjektiv gesehen die Qualität der Übertragung eher verbessert. Störendes Rauschen wird mit einem sehr gut justierten Algorithmus gefiltert, so dass auch Telefonieren an belebten Orten möglich ist.
Die Empfangsleistung war in Verbindung mit dem Provider O2 ebenfalls völlig ausreichend und ein automatischer Netz-Wechsel in Tarife von Roaming-Partnern fand in weniger als 30 Sekunden statt, was z.B. beim Umsteigen zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin ein deutlicher Vorteil sein kann.
Siemens gibt für das SL55 eine Standby-Zeit von 210 Stunden und eine totale Gesprächszeit von durchschnittlich 200 Minuten an. Der Akku unseres Testgeräts muss wohl aber erst noch ausreichend konditioniert werden, denn wir konnten diese Werte in der Praxis bei weitem nicht bestätigen. Bei sporadischer Benutzung erreichten wir Standby-Zeiten von etwa drei Tagen (=72 Stunden) und bei intensiver Nutzung eine Standby-Zeit von gerade mal einem Tag. Sicherlich trägt das gut ausgeleuchtete Display dazu bei, den ultraflachen Lithium-Polymer-Akku schnell leerzusaugen, daher sollte man Kontraste und Helligkeit möglichst beschränken, wenn man auf hohe Ausdauer angewiesen ist.
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