Push-Mail für Jedermann: Der kanadische Smarphone-Spezialist Research in Motion hat die Wende in seiner Produktpolitik erfolgreich vollzogen. Mit dem 8100 Pearl gelang der Schwenk von professionellen Business-Telefonen für den Vorstandsvorsitzenden hin zum Multimedia-Smartphone für den Kleinunternehmer. Die Zahlen belohnen diese offensive Unternehmensstrategie: Der 8100 Pearl wurde zum Verkaufsschlager während RIM seine Überschüsse von Quartal zu Quartal deutlich steigern konnte. Neuester Streich der Kanadier ist das QWERTZ-Smartphone 8300 Curve, das wieder überraschend viel Multimedia zu bieten hat. Neben der 2 Megapixel Kamera sticht vor allem der erweiterte Musikplayer ins Auge. Wir haben dem BlackBerry 8300 Curve genauer unter die veredelte Haube geschaut.
Passend zu RIM's Edel-Image wird dem Curve-Käufer mehr als nur der übliche Lieferumfang geboten. Zunächst die Standards: zum Handy gesellen sich der übliche Netzstecker, ein PC-Verbindungskabel und ein elegantes Stereo-Headset mit 3,5mm Klinkenanschluss. Mit den 2 Netzadaptern kann der gestresste Blackberry-Kosmopolit seine Mailmaschine auch in Japan noch in die Steckdose stöpseln; ein schwarzes Lederetui bietet einen standesgemäßen Aufenthaltsort während der Reise. Softwareseitig wird er von BlackBerrys Desktop-Software in der neuesten Version 4.2.2 unterstützt, für die Verwaltung von Multimedia-Dateien steht Roxios Easy Media Creator (dazu mehr im Bereich Multimedia) bereit. Natürlich liegen auch Bedienungsanleitungen (die bei unserem Testmodell leider nicht zur Verfügung standen) in der typisch BlackBerry-blauen Schachtel. Doch nach kurzer Suche wird deutlich, dass ein kleiner schwarzer Plastikchip fehlt, um den verwaisten Speicherkartenslot zu befüllen: eine microSD-Karte muss der Nutzer aus eigener Tasche dazukaufen. Das ist dürftig - einem Gerät auf diesem Preisniveau sollte eine Speicherkarte beiliegen. top
Ohne Frage ist der Curve ein Hingucker: haptisch hochwertiger Metallic-Kunststoff dominiert Front und Rückseite, für zusätzlichen Glanz sorgen die Echtmetall-Einfassungen von Display und Kameralinse. Ein Blackberry bedient gehobene Business-Ansprüche - optisch wird dies vom silber-schwarzen Curve auf dem Meeting-Tisch perfekt vermittelt.
Aber neben der Farb- und Materialwahl sind vor allem Form und Dimension von RIMs neuer E-Mail-Maschine interessant. Auf den ersten Blick wird deutlich, das der Hersteller eine Lücke in der Produktpalette schließt: im Vergleich zum klotzigen Dinosaurier 8800 hat das Curve an Gewicht und an Gehäusedimension verloren und nähert sich dem Winzling 8100 Pearl an. Tatsächlich kommt der neueste Streich des kanadischen Herstellers in einem - für ein QWERTZ-Handy - schlanken Gehäuse daher und wiegt nur 111 Gramm. Das Gerät ist kompakt genug, um auch in Hemd- und Jackettaschen noch beulenfrei untergebracht zu werden.
Trotzdem: das Curve ist alles andere als ein Winzling. Schon die vollwertige Tastatur bedingt imposante Gerätedimensionen. 107x60x15,5mm - da überrascht, dass das Smartphone trotz der Breite erstaunlich gut in der Hand liegt. Im Kontrast zu den eckigen Metallic-Rändern von Pearl und 8800 zeichnen griffiges Softtouch-Material an den Seiten und ein ergonomischer Kantenabschliff dafür verantwortlich.
Die Verarbeitung erscheint im Vergleich zum multimedialen Lifestyle-Smartphone 8100 Pearl und zum Business-Boliden 8800 verbessert: zwar lugen die Kameralinse und LED-Blitzlicht nach wie vor in Form einer billigen Staubfang-Konstruktion ungeschützt aus zwei Löchern im Akkudeckel hervor - aber weder erschreckt ein knarzendes Gehäuse die Ohren (8800) noch löst sich der Akkudeckel bereits nach leichtem Druck vom Smartphone (8100 Pearl). Ein Blick in Geräteinnere zeigt, dass neben der SIM- auch die microSD-Halterung unterhalb des Akkus positioniert wurden - zum Wechseln der Speicherkarte muss das Gerät also ausgeschaltet werden. Beide sind als relativ scharfkantige Metallkonstruktionen ausgelegt, dank eines leichtgängigen Mechanismus sollte sich jedoch niemand die Finger verletzen.
Schade, dass RIM die Anschlüsse für 3,5mm Klinke und miniUSB offen auf der linken Seite platziert. Dass es auch anders geht, zeigt etwa Samsung beim SGH-i600, bei dem alle Gehäuseöffnungen sicher vor äußeren Einflüssen unter Abdeckungen verborgen sind. Summa summarum macht das Curve einen wesentlich zuverlässigeren Eindruck als noch die aktuellen Vorgängermodelle. Von einer hervorragenden Gehäuseintegrität, wie sie zahlreiche Samsung-Handys oder das neue P1i von Sony Ericsson bieten, ist RIM jedoch noch meilenweit entfernt. top
Foto: AMB | ...kein Zeichen von guter Verarbeitung, wenn RIM einfach Löcher für Kameralinse und Blitzlicht in den Akkudeckel bohrt
Beim Display setzt RIM augenscheinlich auf bewährte Standards: wie schon beim 8800 kommt auch beim Curve eine tief ins Gehäuse eingelassene Komponente zum Einsatz, die 240x320 Pixel großflächig auflöst und ca. 65.000 Farben darstellt. Leider gewinnt das Display in den für die Darstellung wichtigen Disziplinen keinen Blumentopf: die schwachen Kontraste und matten Farben werden vor allem deutlich, wenn man aktuelle HTC-Smartphones oder Multimedia-Handys daneben legt. Weiteres Handicap: es fehlt eine transflektive Beschichtung. Die Ablesbarkeit bei starkem Außenlicht ist dementsprechend eingeschränkt und wird zusätzlich noch durch den stark reflektierenden silbernen Displayrahmen erschwert. Einzig die hohe Leuchtkraft dürfte übers mobile Business hinaus auch Multimedia-Freunde zufrieden stellen. Ein Sensor über dem Display reguliert die Displayhelligkeit automatisch in Abhängigkeit von der Umgebung - das schont den Akku.
Bei der Tastatur sollen zunächst die altbekannten BlackBerry-Standards zur Sprache kommen. Nein, die Rede ist hier nicht vom Drehrädchen, das hat RIM mit der Einführung des Trackballs auf dem 8100 Pearl wohl endgültig im Fabrikmuseum verschwinden lassen. Der Grund dafür ist einfach: die kleine Gummikugel bietet einen so deutlichen Zugewinn an Bedienkomfort, das wir dem BlackBerry-Rädchen keine Träne nachweinen. Wie in unseren Tests zu 8100 Pearl und 8800 können wir auch der Navigationsleiste des Curve mit Trackball und flankierenden Telefonie-/Menütasten eine hervorragende Note gutschreiben: Das flinke Rollen durch die Menüs lässt Joystick oder Steuerkreuz in jeder Hinsicht alt aussehen. Weiterer Pluspunkt: die Empfindlichkeit des Trackballs kann individuell angepasst werden.
Hinzu kommen weitere BlackBerry-typische Bedienelemente: den Gerätekopf ziert die Stummschalt-Taste, die das Smartphone bei längerem Druck in den StandBy versetzt; die einzige Taste auf der linken Seite aktiviert Sprachwahlfunktionen, rechtsseitig findet der Nutzer die beiden Lautstärketasten und einen Shortcut für die Kamera. Alle Tasten sind leicht zugänglich, gut erfühlbar und geben über perfekt austarierte Druckpunkte solides Feedback. Rechtsseitig über dem Display informiert eine blinkende LED über neue Nachrichten im Postfach sowie über Bluetooth-Aktivität.
Auch die QWERTZ-Tastatur des Curve macht alles richtig. Im Gegensatz zum 8800 findet der Nutzer kein eng gedrängtes Tastenfeld, sondern in Anlehnung an den Palm Treo 750 einzelne Tasten mit relativ weitem Abstand zueinander. Dafür fällt der Tastenanschliff weniger kräftig aus als bei anderen Modellen - aufgrund des großzügigen Tastenabstandes lässt sich aber auch blind noch sehr gut auf dem Curve schreiben. Mit den glatten, matt glänzenden Tasten des Smartphones kamen wir gut zurecht, auch längere Textpassagen sollten sich mit dem Gerät noch schreiben lassen.
Allerdings auf eigene Gefahr - denn nicht umsonst hängt dem BlackBerry in den USA auch sein Crackberry-Image an. Die mit dem exzessiven Herumtippen auf kleinstem Raum verbundenen Gelenk- und Muskelbeschwerden haben fast schon eine neue Berufskrankheit entstehen lassen; ein Chicagoer Hotel bietet gar eine Entzugskur für BlackBerry-Junkies an. Also, wenn Sie mal wieder ein Ziehen im Damen verspüren, sollten Sie vielleicht statt des Smartphones mal einen Antistressball in die Hand nehmen, bevor die Artrithis chronisch wird. Wer die Finger trotzdem nicht vom Gerät lassen kann, dem sei versichert: auch im Dunklen gewährleistet die gleichmäßige Tastaturausleuchtung Arbeit ohne Vertipper. Der Sensor oberhalb des Displays aktiviert und reguliert die Beleuchtung automatisch in dunkler Umgebung. top
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