Kennen Sie Finnlands populärste Musik? Mit langsamen Klängen erzählt finnischer Tango von den langen dunklen Nächten kurz unter dem Polarkreis und begleitet häufig die märchenhaft-melancholischen Filme von Finnlands Regie-Aushängeschild Aki Kaurismäki. Liegt im finnischen Tango-Stoizismus vielleicht der Grund für das jahrelange Zögern von Marktführer Nokia im lifestylelastigen Musikbereich? Egal, entscheidend ist, dass die Finnen seit dem letzten Jahr mit den Nseries der Music Edition und den eigenwilligen XpressMusic-Modellen mächtig aufholen. Während den ersten Versuchen noch der Entwicklungsrückstand vor allem gegenüber Sony Ericssons Walkman-Serie anzumerken war, werden die Handy-Musikanten aus Finnland von Modell zu Modell besser. Den neuesten Retro-Spross der XpressMusic Edition, das 5700, haben wir uns genauer angeschaut.
Der in frechem rot gehaltene Karton verspricht bereits peppigen Inhalt - und der Nutzer wird nicht enttäuscht. Beim 5700 holen sich die Finnen Anregungen vom unbestrittenen Lifestyle-Experten: die hochwertigen In-Ohr-Kophörer sind in iPod-Weiß gehalten; Silikon-Stöpsel in verschiedenen Größen, wie sie Sony Ericssons Walkmännern häufig beiliegen, fehlen allerdings. Die in ihren Maßen wohltuend geschrumpfte Fernbedienung strahlt ebenfalls schneeweiß, nur die Vorderseite mit den Bedienelementen bietet haptisch hochwertiges Metallic. Auch an eine üppige Speicherzulage haben die Finnen gedacht: ein microSD-Kärtchen mit sage und schreibe 1GB Fassungsvermögen liegt im Karton, SD-Adapter inklusive. Daneben finden sich die üblichen Standards vom USB-Verbindungskabel bis zur (75 Seiten starken) Bedienungsanleitung und einer CD mit Nokias aktueller PC Suite. Nur eine Kleinigkeit haben wir vermisst: einen 3,5mm Klinkenadapter. Da das Handy nur über einen unkonventionellen 2,5mm-Anschluss verfügt, kann man Standardkopfhörer nur umständlich über die Fernbedienung mit dem 5700 verbinden. top
Während Samsung&Co. in der gehobenen Liga der UMTS-Handys auf spacig glänzendes Hightech-Material setzen (man denke nur ans SGH-U600), schaltet Nokia einen Gang zurück und zeigt uns den in der Mobilfunkbranche bewährten Kunststoff in seiner Ur-Form, die vor 40 Jahren in allen Wohnzimmern weit verbreitet war. Plastik, Pop und FlowerPower: Schon der XpressMusic-Kollege 5300 überraschte mit mutigem Retro-Design, das man in dieser Form bei keinem anderen Hersteller findet. Die Zielgruppe wird damit allerdings stark eingeschränkt: dass ein Krawattenträger den Plastikbomber mit lockerem Lächeln auf dem Meetingtisch platziert, ist in etwa so wahrscheinlich wie eine Punkrock-Combo mit CrackBerrys in den zerschlissenen Hosentaschen.
Zwar ist das Gerät mit 108x51x17mm und 115 Gramm Gewicht kein besonders kompakter Vertreter seiner Zunft, dank abgerundeter Kanten liegt der Barren aber gut in der Hand und sticht, einmal ans Ohr gehalten, schon aus aus der Ferne ins Auge. Ein echter Hingucker ist das 5700 dennoch nicht. Denn die Designidee ist zwar gut, die Umsetzung ging aber leider daneben. Zu schwer leidet das Musikhandy unter dem billigen Material, das die Finnen ihm auf den Weg gegeben haben. Gummi und Plastik sind die Hauptzutaten des 5700, was eigentlich nicht schlimm wäre, wenn man den Kunststoffen nicht jegliche Veredelung verweigert hätte. Nokias neues Musikhandy fühlt sich mit dem glattpolierten Hartplastik, dem weichen Gummiüberzug und den rauhen, grau-silbernen Bedienelementen genauso billig an, wie es aussieht.
Schade, denn hinter der Plastikschale verbirgt sich ein Barrenhandy, das Telefon- und Musikfunktionen in einer cleveren Konstruktion zusammenführt. Eigentlich ist Barren eine unvollständige Bezeichnung, mit der drehbaren Unterseite wäre "Twister" der treffendere Name. Ein Jahr nach dem 3250 wirft Nokia das zweite Handy mit drehbarer Tastatureinheit auf Markt.
Ein halber Dreh aktiviert die rechtsseitig positionierte Kamera, ein kompletter Schwenk um 180 Grad lässt die Zifferntastatur verschwinden, stattdessen hat der Nutzer mit den drei auf der "Rückseite" versteckten Tasten bequemen Zugriff auf den Musikplayer, der mit dem Dreh auf dem Display erscheint. Auch der Akkudeckel wurde clever in die Konstruktion eingebunden, er lässt sich nur abnehmen, wenn die Unterseite quer im 90 Grad Winkel steht. Im "normalen" Zustand kann er nicht entfernt werden und sitzt bombenfest an seinem Platz.
Die Verarbeitung gewinnt trotzdem keinen Blumentopf: zwar ist dem Gehäuse kein Knarzen zu entlocken, auch die Einrastpunkte des Drehsliders federn sauber und völlig wackelfrei während alle Anschlüsse inklusive microSD-Slot lobenswert geschützt unter einer fest sitzenden, flexiblen Gummiklappe platziert wurden. Doch die ungleichmäßigen und an vielen Stellen zu breiten Spalte erschüttern das Vertrauen eines 5700-Trägers - Nokias Musikhandy ist ein leichtes Ziel für Staub und anderen Schmutz, der sich gelegentlich in den Tiefen der Hosentasche ansammelt. top
Foto: AMB | ...aber staubfreundliche Spalte kennzeichnen vor allem die Gummieinfassung von Display und Menü-/Telefontasten
Wer hätte gedacht, dass sich unter dem Plastikmantel des 5700 ein Display verbirgt, das anspruchsvollste Multimedia-Standards bedient? Lassen wir zunächst die Zahlen sprechen: 16,7 Millionen Farben, QVGA-Auflösung (240x320 Pixel), verteilt auf eine Bildschirmdiagonale von 5,7 cm. Die Farben haben wir nicht gezählt, doch die scharfen Kontraste und glasklare Farbbrillianz sprechen für mehr als nur gute Qualität. Wen wundert's da noch, dass dem Betrachter auch hohe Leuchtkraft und perfekte Ablesbarkeit aus der Schrägperspektive geboten werden - eine sensorgesteuerte Regulierung der Displayhelligkeit hilft darüber hinaus beim Strom sparen. Weiterer Pluspunkt: dank transflektiver Beschichtung lässt sich der Inhalt auch bei starkem Außenlicht noch gut ablesen. Keine Frage, das Display des 5700 verdient Bestnoten.
Die großflächigen Zifferntasten wackeln tüchtig in der Einfassung, lassen sich jedoch auch von Grobmotorikern noch präzise ansteuern, ein leichter Anschliff und angerautes Plastikmaterial gewährleisten dabei gute Erfühlbarkeit. Dank weicher und gleichmäßiger Druckpunkte steht einem flotten SMS-Tempo nichts im Wege. Doch die Tastatur leidet spürbar unter der billigen Haptik des 5700 - Spaß macht das schwammige Tippen auf dem Handy nicht.
Richtig schlimm wird's bei einem Sprung ins Hauptmenü, sofort fällt die seltsame Anordnung von Menü- und Löschen-Taste unangenehm auf. Seitwärts in die flexible Kunststoffoberfläche eingelassen, fordern sie dem Daumen einen weiten Bewegungsradius ab und bieten wesentlich tiefere Druckpunkte als die benachbarten Tasten - spätestens beim Löschen eines SMS-Vertippers wird deutlich, dass die Positionierung alles andere als nutzerfreundlich ist. Am Komfort gespart wurde auch in einem anderen Punkt: S60-Kenner werden die Stifttaste, bekanntermaßen zuständig für Kopier- und Einfügeoptionen, vermissen.
Der weiß umrahmte Joystick lässt die Bedienwerte des 5700 weiter in den Keller rauschen. Er ist weder zu klein noch zu hoch, als Problem entpuppt sich vielmehr seine mangelhafte Präzision: besonders in Höhenrichtung vertauscht das Handy Bestätigungs- und Richtungsanweisung, wir fanden uns häufiger in einem Untermenü wieder, obwohl wir eigentlich nur nach oben steuern wollten.
Sie denken, der Bedienungs-Tiefpunkt ist erreicht? Weit gefehlt, denn die Steuerung im Kameramodus setzt noch einen drauf. Wie beschrieben wird die Kamera automatisch bei einer 90 Grad-Drehung der Unterseite aktiviert. In dieser Position steht die angewinkelte Tastatureinheit den Fingern beim einfachen Zugriff auf Optionstasten und Joystick im Wege. Eine Einstellung im Kameramenü ist nur mit akrobatischen Fingerverrenkungen erreichbar. Zum Glück ist wenigsten die Playtaste bequem zugänglich, die im Kameramodus zum Auslöser mutiert.
Musikalisch zeigt die Tastatur des 5700 dagegen ihre Schokoladenseite. Die drei Tasten auf der Rück- bzw. Vorderseite sind mehr als großzügig bemessen und erlauben die "blinde" Ansteuerung der wichtigsten Musikfunktionen bequem aus der Hosentasche heraus. Die linksseitigen Lautstärketasten, die als kleine Vorsprünge aus der planaren Gummioberfläche herausragen, tragen ein übriges zu einer gelungenen Konzertvorstellung bei. Und wer übers Musikhören die Zeit vergisst und sich plötzlich nach Sonnenuntergang auf einer dunklen Parkwiese wiederfindet, kann sich auf die helle Ausleuchtung der Tastatur verlassen - einzig eine Lampe unterm Joystick hat Nokia offenbar vergessen. top
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