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Multimedia-Smartphone mit Riesenklappe Nokia N76

Nokia und Lifestyle – ein heikles Thema. Trotz steigender Marktanteile und einigen Vorzeigemodellen hat man sich mit dem behäbigen und funktionalen Kastendesign, das weite Teile der finnischen Produktpalette dominiert, in der Fashion-Liga immer schwer getan. Abgesehen vom Nokia 7390 tummelt sich hier vor allem die Konkurrenz mit Shine (LG), KRZR (Motorola), Ultra Edition II (Samsung) und Co. Doch so langsam stürmt der Marktführer auch die letzte Bastion der freien Handywelt. Noch vor den nagelneuen Prism-Blickfängen 7900 und 7500 steht das S60-Smartphone N76 für frische Schönheit aus dem hohen Norden. Ist das verspiegelt glänzende Klapphandy mehr als eine billige RAZR-Kopie? Wir werden sehen.

Lieferumfang

Zum Netzstecker gesellen sich das USB2.0-Datenkabel (mit miniUSB-Port), Nokias äußerst ausführliche Bedienungsanleitung (146 Seiten) und die nagelneue an Windows Vista angepasste Nseries PC Suite (dazu mehr in ). Weniger spannend sind die multimedialen Extras, die Nokia dem N76 mit auf den Weg gibt: ein 3,5mm Klinken-Headset (Modell: HS-43) mit einer ziemlich coolen Fernbedienung und einer Umhängekonstruktion in Form von Schnüren, die leider dazu führen, dass man sich gnadenlos verheddert und ständig mit Kabelsalat zu kämpfen hat. Unter die Rubrik „gewollt und nicht gekonnt“ fällt auch die microSD-Karte mit ihren mageren 256MB – zu wenig für die Nseries und für jeden musikbegeisterten Käufer. Sie wird lobenswerterweise in einem Plastiketui geliefert, das Platz für einen SD-Adapter bietet. Doch leider muss der Nutzer selbst aktiv werden, um diesen verwaisten Platz zu Füllen. Schade eigentlich. Schmerzlich vermisst haben wir auch ein kleines Putztuch - ein unverzichtbarer Begleiter, wie jeder N76-Käufer schnell feststellen wird.

Foto: AMB | Nokia N76 Lieferumfang

 

Dass die Mitgift nicht besonders üppig ausgefallen ist, muss man sich auch in Finnland gedacht haben. Was also tun, um das schlechte Gewissen zu beruhigen? Nokia bietet fünf Songs der schottischen Britpop-Band Travis zum kostenlosen Download aus dem MSN Music Portal an. Das bringt dem Käufer immerhinin eine kleine Entschädigung für den schmalen Lieferumfang. top

Design & Verarbeitung

Die schimmernde Oberfläche bietet Haptik vom Feinsten: steigenden Metallpreisen zum Trotz haben die Finnen beim N76 in die oberen Reihen der Materialregale gegriffen. Ein geschwungener Bogen aus glänzendem Chrom zieht sich über Ober- und Unterseite und fasst Kamera und Musiktasten ein, der Rest des Klapphandys ist mit einem kratzfesten, glänzenden Metallic-Lack überzogen. Das damit verbundene Glanz- und Spiegeldesign wird vom Aussendisplay perfektioniert, das in inaktivem Zustand den kleinen Taschenspiegel komplett ersetzen kann - LGs Shine und Samsungs U700 lassen grüßen. Die damit verbundenen Nachteile werden beim N76 allerdings in extremer Ausprägung deutlich: selten waren Fingerabdrücke so stark sichtbar wie auf dem verspiegelten Außendisplay des N76 - nach jedem verzweifelten Putzversuch traut man sich kaum mehr, die glänzende Schönheit anzufassen.

Foto: AMB | Nokia N76 Vierseitenansicht

 

Doch Nokias neues Edel-Klapphandy macht nicht nur mit dem Material auf sich aufmerksam, vor allem die eindrucksvollen Gehäusedimensionen ziehen alle Blicke aufs N76. Mit den imposanten Maßen von 106,5x52 mm ist das Multimedia-Smartphone in zugeklapptem Zustand etwa genauso groß wie Sony Ericssons neues P-Serien-Flagschiff P1i - aufgeklappt verbindet das Handy mit sage und schreibe 18,6 cm fast beide Ohren miteinander. Selbst Motorolas RAZR, bei dem sich die Finnen augenscheinlich das Design abgeschaut haben, wirkt daneben wie ein Zwergenhandy. Kein Wunder, dass Nokias neuester Gigant in der Schwergewichtsliga spielt: 115 Gramm sind kein Mühlenstein, ziehen eine Hemdtasche aber bereits bedrohlich in die Tiefe.

Immerhin dürfte der Riese noch bequem in den meisten Hosen- und Hemdtaschen verschwinden, da sich die Gehäusetiefe mit mageren 14 mm noch im aufbewahrungsfreundlichen Rahmen bewegt. Trotzdem: N76-Interessenten sollten sich darüber im Klaren sein, dass das ansprechende Lifestyle-Design in einem gewaltigen Gehäuse steckt. Das N76 ist das genaue Gegenteil eines kompakten Taschenhandys.

Foto: AMB | Das Gegenteil von kompakt: telefonieren mit dem N76. Gut sichtbar sind auch Fingerabdrücke, die sich schnell aufs Spiegeldisplay schleichen

 

Das Aufklappen des N76 erinnert unwillkürlich an einen Türscharnier: ohne Federmechanismus gleitet die Oberseite relativ schwergängig auf und erfordert über den gesamten Öffnungsradius hinweg permanenten Druck, erst am Ende rastet die Oberseite hörbar ein und wird kaum spürbar abgefedert. Damit sind die Vor- und Nachteile schnell benannt: einerseits wird ein schwungvolles einhändiges Aufklappen erschwert - und mit fehlenden griffigen seitlichen Ansätzen für die Finger nahezu unmöglich gemacht -, andererseits steht die Folderoberseite in jedem Winkel in ihrer Position. Mit dem Handy vor sich auf dem Tisch kann man das das Display also in jeder beliebigen Position anwinkeln und so bequem im Internet surfen oder Videotelefonieren. Einziger Konstruktionsfehler: da der Kopfhörereingang an der Kopfseite postioniert wurde, lässt sich das Handy bei eingesteckten Kopfhörern nicht vollständig aufklappen. Zum Glück kann man den Musikplayer auch bequem mit den Außentasten steuern - doch dazu später mehr.

Foto: AMB | Steht in jedem Winkel: Folderoberseite mit Hauptdisplay

 

Um nochmal auf besagtes Türscharnier zurückzukommen: auch die Verarbeitung weckt Assoziationen in diese Richtung, genauer gesagt erinnert sie an eine robuste Eichentür. Mit den hochwertigen Materialien, die man auch am Drehgelenk findet, macht die wackelfrei sitzende Oberseite einen nahezu unverwüstlichen Eindruck. Alle weiteren Kriterien bestätigen die robuste Verarbeitung: gleichmäßig gesetzte und kaum erkennbare Spaltmaße bezeugen hohe Gehäuseintegrität, miniUSB-Anschluss und microSD-Slot werden von fest sitzenden Klappen geschützt, der Akkudeckel klebt ebenfalls bombenfest am Gehäuse und lässt sich nur mit stärkstem Druck dazu bewegen, Akku und SIM-Karte freizugeben. Das Handy sollte Strandausflügen, versifften Hosentaschen oder Stürzen schadlos standhalten.

Foto: AMB | N76 microSD-Slot und Gummiklappe für den USB-Anschluss: Gelungene Kombination von hochwertigen Materialien und sauberer Verarbeitung

 

Bei einem Blick unter den Akkudeckel wird dagegen deutlich, dass schlanke Handys keine finnische Domäne darstellen. Das chaotische Innenleben des N76 sieht aus wie die Bastelfantasie eines Mikroelekronikers: die Halterungen von Akku und SIM-Karte wirken wie ein unbeholfener erster Versuch, möglichst viele Komponenten auf engstem Raum zusammen zu pressen – das Innere eines ultraschlanken Samsung-Handys wirkt da deutlich aufgeräumter.

Wie man auf dem Foto erkennen kann, besteht die SIM-Halterung aus einer separaten Metalleinfassung, die mittels einer Kunststofflasche aus dem Gehäuse gezogen werden muss; die Akkukontakte ragen dagegen spitz in die Tiefen des Raumes, der Akku muss kunstvoll darunter geschoben werden. top

Foto: AMB | Bastelfantasie eines Mikroelektronikers? Das N76 ohne Akku

 

Display & Tastatur

Die Dimensionen des N76 spielen vor allem beim Display ihre Stärken aus. Nokia nutzt fast die gesamte Innenseite und bietet dem Nutzer ein riesiges Interface mit einer Diagonale von mehr 6,1 cm (2,4 Zoll) - da kommen Bildschirmgefühle auf. Flankiert wird die Riesenfläche von erstklassigen technischen Rahmendaten: ca. 16,7 Millionen Farben stellt sie bei einer Auflösung von 240x320 Pixeln dar, Helligkeits- und Kontrastwerte genügen Multimedia-Ansprüchen. Beim Außendisplay klotzt Nokia ebenfalls: 262.144 Farben wirken zwar auf der kleinen Fläche (knapp 1,4 Zoll) fast schon verschwenderisch, aber zu viel ist bekanntlich besser als zu wenig. Beide Komponenten sind transflektiv ausgelegt und lassen sich (trotz der verspiegelten Oberfläche des Aussendisplays) auch in heller Umgebung gut ablesen; ein Sensor reguliert die Displayhelligkeit (des Innendisplays) in Abhängigkeit vom Außenlicht. Keine Frage, hier fährt Nokia - zur Freude des Nutzers - schwerste Geschütze auf. Offen muss allerdings bleiben, warum die blau blinkende LED oberhalb des Außendisplays lediglich signalisiert, dass das Handy eingeschaltet ist.

Foto: AMB | Nokia N76 geschlossen

 

Auch die Tastatur profitiert von der Folderkonstruktion und den Gehäusemaßen. Man kann darüber streiten, ob die planare Metallic-Ausführung besser oder schlechter als das RAZR-Original gelungen ist. Zweifelsfrei steht dagegen fest, dass die Tastatur des N76 hohen Bedienkomfort bietet. Die Tasten sind überaus großzügig bemessen und sollten auch gröbsten Holzfällerpranken noch filigrane Tastenakrobatik erlauben. Darüber hinaus bietet der flexible, leicht angerauhte Kunststoff gute Haptik, die einzelnen Tasten lassen sich hervorragend voneinander unterscheiden und dementsprechend auch blind noch gut bedienen. Kurze und gleichmäßige Druckpunkte sorgen für flottes SMS-Tempo. Auch die Anordnung von Steuerkreuz und Menü- sowie Navigationstasten ist überlegt und gewährleistet das schnelle Navigieren durch die S60-Menüs. Natürlich sind auch die S60-typischen Funktionstasten ("Stift" und "C") mit an Bord. Einzig der Power- und Profilbutton auf der Kopfseite wurde von Nokia etwas unglücklich platziert, da die aufgeklappte Oberseite den Fingern im Wege steht - wer also das Profil wechseln möchte, muss das Telefon zusammenfalten.

Foto: AMB | RAZR-ähnliche planare Ausführung im Metallic-Look: Nokia N76 Tastatur

 

Im zugeklappten Zustand muss sich das N76 dagegen leise Kritik gefallen lassen, hier ist die Bedienung nicht ganz so überzeugend wie auf der Innenseite. Zunächst zu den Pluspunkten: zahllose Aktionen, vom Weißlichtabgleich bis zur Suche nach Radiosendern kann der Nutzer dank einer intelligenten kontextbezogenen Einbindung der Außentasten ohne Aufklappen erledigen. Wie das funktioniert? Vom kopfseitigen Powerbutton einmal abgesehen, platziert Nokia alle Bedienelemente auf der linken Seite. Leicht vom Gehäuse abgesetzt sind sie gut erfühlbar und bieten leichten Zugriff auf Lautstärkeregler und Kamera. Elementar ist der sogenannte Modusschalter neben der Kamerataste. Mit ihm kann der Nutzer in Abhängigkeit von der jeweiligen Anwendung verschiedene Aktionen ausführen: bei aktivierter Kamera zwischen Bild- und Videomodus, bei aktiviertem Musikplayer zwischen dem aktuellen Titel und der Musikbibliothek wechseln. Für die Ansteuerung der Untermenüs sorgen die Musiktasten unterhalb des Außendisplays. Einfach, bequem, gut. Nachteilig wirkt sich allerdings die mangelhafte Unterscheidbarkeit zwischen den drei Musiktasten aus. Hübsch anzusehen und wie die Zifferntasten in schickem Rot beleuchtet, setzen sie sich kaum von der Umgebung ab und machen das "blinde" Wechseln zwischen den Tracks aus der Hosentasche heraus fast unmöglich. top

Foto: AMB | N76 Tastaturbeleuchtung Innen...

 

Foto: AMB | ...und Außen

 
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